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Hinter den Reisfeldern (4): Den Krieg im Körper

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Wer an Vietnam denkt, erinnert sich an den Krieg damals oder an einen vergangenen Urlaub. Kaum aber jemand beachtet, wie dort ein kommunistisches Regime versucht, Marktwirtschaft mit den alten Traditionen zu verbinden. Blicke nach Fernost – eine Serie in fünf Teilen.

Auf den ersten Blick sieht Binh gesund aus. Die 22-Jährige sitzt an einem niedrigen Tisch. Auf dessen Platte liegt ein Stofftuch. Sie schaut neugierig auf, mustert den Besucher, lächelt und sticht wieder mit der Nadel zwischen ihren Fingern durch den Stoff. Der grüne Faden zieht sich entlang des aufgezeichneten Blumenmusters. Ihre Lehrerin sagt: „Sie ist langsam im Kopf.“ Und als sie sich von ihrem Stuhl erhebt, fallen die verdrehte Körperhaltung und ihre Größe von nur 1,40 Meter auf. Binh ist Opfer des Vietnam-Kriegs, obwohl der bei ihrer Geburt seit 13 Jahren vorüber war. Ihre Eltern waren der Chemikalie Agent Orange ausgesetzt.

Im Vietnam-Krieg von 1965 bis 1975 kämpften die US-Soldaten gegen die Truppen des kommunistischen Nordvietnam, während sie im Süden in einen Guerillakrieg verwickelt wurden. Der Krieg war der erste, in dem gezielt die Natur vernichtet wurde. Das sagt die Vereinigung der Agent-Orange-Opfer (VAVA). US-Flugzeuge versprühten geschätzte 80 Millionen Liter Chemikalien, um den Dschungel zu entlauben und die Gegner sichtbar zu machen. Die Hälfte davon Agent Orange. Die US-Soldaten nannten es so, weil es in orangefarbenen Fässern angeliefert wurde. Das Entlaubungsmittel enthielt hochgiftiges Dioxin.

Binh lebt im „Dorf der Freundschaft“ in der Nähe von Hanoi. Das Dorf ist ein Hilfsprojekt für Agent-Orange-Opfer. 1988 wurde es von einem US-Veteranen gegründet. 120 Jugendliche leben dort. Sie werden unterrichtet und medizinisch betreut.

Manche, wie Binh, leiden unter vergleichsweise leichten körperlichen und geistigen Behinderungen. Andere sind blind oder taub. Wieder andere sitzen festgezurrt in Rollstühlen. Sie haben heftige körperliche Missbildungen. Ihre Köpfe sind wie aufgeblasen.

Nach dem Krieg erkrankten drei Millionen Vietnamesen, weil sie Agent Orange ausgesetzt waren. Die US-Armee hatte eine Fläche von rund 14 Millionen Hektar besprüht. Während 35 Jahre nach dem Krieg die Natur ihre kahlen Narben zeigt, lauert das Dioxin in der Erde und gelangt über den Nahrungskreislauf in die Menschen. Laut VAVA sind nach dem Krieg 200 000 Kinder mit Behinderungen geboren worden. Inzwischen ist die dritte Generation betroffen.

Vor zehn Jahren hat Binh in der Einrichtung eine neue Heimat gefunden. Weit entfernt von ihren Angehörigen. „Zu Hause ging es mir gesundheitlich schlecht, hier ist es besser“, sagt sie. Seit einem Monat jetzt lernt sie das Sticken. Vielleicht kann sie eines Tages damit Geld verdienen. Auch an einem Computerkurs nimmt sie teil, der ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern soll. Trotzdem sagt sie: „Ich denke nicht an die Zukunft, niemals.“ Sie hat Angst. Ihr Vater ist an den Folgen von Agent Orange umgekommen. Wenn auch ihre Mutter stirbt, wird Binh allein sein.

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Lesen Sie auch:

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  2. Einsam in der Millionenstadt
  3. Die besten Noten als Ziel
  4. Den Krieg im Körper
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  6. Hintergrund: Das Land Vietnam

 

 

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Die WG im Zug

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Es kommt wie befürchtet. Um 5.30 Uhr ist die Nacht für mich vorbei. Meine fünf Mitfahrer im Zugabteil sind wach. Lautstark quasseln die Erwachsenen beim Frühstück, während die Kinder durch den Zug toben. Die Sonne strahlt mir durch das Fenster in die Augen. Ich richte mich auf, schaue nach unten. Die Frau im linken Stockbett lacht mir ins Gesicht.

Vor zehn Stunden hat die Fahrt in Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon) in Richtung Hanoi begonnen. Elf weitere Stunden in dieser rumpelnden metallenen Schlange liegen vor mir, bis ich nach insgesamt 1000 Kilometern in Hue aussteigen werde.

Der Zug fährt heutzutage immer noch auf der Strecke, die 1936 eröffnet wurde. Einspurig. An der Küstenlinie Vietnams entlang verbindet der sogenannte „Wiedervereinigungsexpress“ die beiden Metropolen des Landes. Im Vietnamkrieg wurde die Trasse immer wieder zerstört. Erst nach dem Sieg der Nordvietnamesen über Südvietnam war nicht nur die Teilung des Landes vorbei, auch die Züge rollten wieder.

Ich reise komfortabel im Vier-Bett-Abteil der Kategorie „Soft Sleeper“. Ein Bett besteht aus einer Pritsche, die an zwei Eisenketten hängt und auf der eine dünne, aber angenehme Matratze liegt. Darauf ein frisches Leinentuch. Kopfkissen und Decke tragen dagegen Schweiß und Geruch der Vorgänger. Neben dieser Oberklasse gibt es die „Hard Sleeper“-Betten in Sechs-Mann-Abteilen sowie Sitzwägen.

Letztendlich hausen wir zu sechst in dem Vier-Bett-Abteil. Die Frau im Bett unter mir hat ihre beiden Kinder mitgebracht – ohne für sie Fahrscheine zu lösen. Die junge Zugschaffnerin in der schnittigen blauen Uniform und mit den schulterlangen schwarzen Haaren ist erbost. Immer wieder stürmt sie verärgert das Abteil, um nach kurzer Diskussion genauso verärgert wieder zu verschwinden.

Mein Bettnachbar heißt Duc, was so viel heißt wie „der Deutsche“. 16 Jahre ist er alt. Die vergangenen drei Jahre hat er in der Schule Englisch gelernt. So unterhalten wir uns ein wenig. Wie immer mit Hilfe eines Schreibblocks und eines Kugelschreibers. Wie viele Jugendliche in seinem Alter ist er neugierig und beobachtet genau, womit ich mich während der Fahrt beschäftige. Wie viele Vietnamesen kennt er sich mit Fußball in Deutschland aus. Wie viele Vietnamesen ist er höflich. So entschuldigt er sich zu meiner Überraschung, als ich ihm sage, dass ich seine Zuneigung für den FC Bayern München nicht teile.

Der Zug erreicht Danang, die drittgrößte Stadt gelegen in der Mitte des Landes. Im Vietnamkrieg waren hier 1965 die ersten US-Soldaten in voller Kampfmontur an Land gegangen. Empfangen wurden sie nicht von Maschinengewehrfeuer, sondern angeblich von winkenden Schulmädchen in langen traditionellen Gewändern.

Von Danang sind es noch 100 Kilometer bis Hue. Dazwischen liegen die Truong-Sen-Berge. Eine natürliche Grenze zwischen Nord- und Südvietnam. Um sie zu überwinden, mussten Autos und LKWs bis 2005 den sogenannten „Wolkenpass“ nehmen. Eine gefährliche und spektakuläre Strecke. Inzwischen rollt der Straßenverkehr durch einen Tunnel, während der Zug seiner alten Route folgt. Sie schlängelt sich entlang der Berghänge, immer in der Nähe der Küstenlinie. Weit unterhalb des Zuges rauschen die Wellen an die unberührten Sandstrände, während der Zug an Palmen und dichtem Gestrüpp vorbeifährt, immer wieder unterbrochen von Tunneln. Dabei ist er vor allem eines: langsam. Das heftige Gefälle können selbst Ungeschulte sehen.

Nach 21 Stunden endet meine Fahrt. Hue ist erreicht. Ich steige aus und bahne mir den Weg an den zahlreichen Händlern vorbei, die ihre Waren verkaufen wollen. Hinter mir kommt der Zug wieder ins Rollen. Es sind noch 700 Kilometer bis Hanoi. In 13 Stunden wird auch er sein Ziel erreicht haben.

Durch dichte Vegetation fährt der Zug.

Zwischen Danang und Hue: dichte Vegetation.

Blick aufs Meer

Blick aufs Meer

An der Küstenlinie entlang.

An der Küstenlinie entlang.

Written by Fabian Schweyher

6. Juli 2010 at 09:05