Vietnam-Notizen

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Hinter den Reisfeldern (2): Einsam in der Millionenstadt

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Wer an Vietnam denkt, erinnert sich an den Krieg damals oder an einen vergangenen Urlaub. Kaum aber jemand beachtet, wie dort ein kommunistisches Regime versucht, Marktwirtschaft mit den alten Traditionen zu verbinden. Blicke nach Fernost – eine Serie in fünf Teilen.

Mit ihrem Motorroller flitzt Thanh Nguyen durch den dichten Verkehr von Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon). Es ist quälend laut. Abgase verpesten die Luft. Menschen drängeln sich auf den zugestellten Gehwegen, als Thanh plötzlich durch eine Lücke an ihnen vorbeischießt, hinein in die Garage eines Neubaus, um anschließend abrupt zu parken. Sie hat es eilig. Die 27-Jährige mit den langen schwarzen Haaren ist auf dem Weg zur Arbeit. Nur noch das Treppenhaus nehmen, dann ist sie am Ziel.

Sie arbeitet für ein Versandhaus, das im Internet Büromaterial verkauft. Rund 70 Prozent der Vietnamesen leben auf dem Land. Doch immer mehr junge Vietnamesen wie Nguyen zieht es in die Großstädte. „Ich mag Ho-Chi-Minh-Stadt“, sagt sie. Vor zwei Jahren hat sie nach dem Studium ihr Dorf verlassen. Geld verdienen und Karriere machen – Ho-Chi-Minh-Stadt ist dafür der richtige Ort. Im Geschäftsviertel schießen Bürotürme in den Himmel, in denen sich internationale und einheimische Firmen einquartiert haben. Die Stadt wächst noch immer rasant, seit sich Vietnam in den 1980ern der Marktwirtschaft geöffnet hat.

Thanh Nguyen mag ihre Arbeit, mag das Zimmer, das sie sich mit einer Mitbewohnerin in der Sieben-Millionen-Einwohner-Stadt teilt. Doch: „Manchmal ertrage ich es nicht, dass ich so weit von meiner Familie entfernt bin“, sagt sie. Das Leben in der Familie ist ihr wie den meisten Vietnamesen äußerst wichtig. Geborgenheit, Fürsorge, Schutz, Sicherheit – für das gemeinsame Wohl stellen viele ihre Wünsche und Bedürfnisse zurück.

Während die Zugezogenen vom Land oft noch an den Traditionen festhalten, wollen viele junge Großstädter anders leben. Sie nehmen sich als Individuen wahr, nicht mehr als Mitglieder einer Gemeinschaft. Sie tragen westliche Kleidung, hören westliche Musik. Unverheiratete Paare wohnen zwar zumeist noch unter Vorwänden zusammen. Nachts aber sieht man in den Parkanlagen immer öfter Pärchen, die sich küssen. Noch vor fünf Jahren wäre das ein Unding gewesen. In einer Gesellschaft, die geübt ist, ihr Gesicht zu wahren.

In einer Nebenstraße

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Written by Fabian Schweyher

6. Oktober 2010 at 18:54

Hinter den Reisfeldern (1): Die alten Regeln

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Wer an Vietnam denkt, erinnert sich an den Krieg damals oder an einen vergangenen Urlaub. Kaum aber jemand beachtet, wie dort ein kommunistisches Regime versucht, Marktwirtschaft mit den alten Traditionen zu verbinden. Blicke nach Fernost – eine Serie in fünf Teilen.

Toai Ha Phan sagt nicht viel, während seine Ehefrau und die drei erwachsenen Kinder miteinander tratschen. Der zierliche Bauer mit dem weiten weißen Hemd und der kurzen Hose lässt sich einfach neben ihnen auf einem Plastikstuhl am Holztisch nieder. Er hat feine Gesichtszüge und kurze weiße Haare. Wenn Toai etwas beisteuern möchte zu dem Geplauder, dann tut er das ohne Hektik, würdevoll. Er muss nicht laut sprechen, um gehört zu werden. Er muss auch nicht auf die ungeschriebenen Gesetze hier pochen. Als das Mittagessen auf dem Tisch steht, schauen alle verstohlen in seine Richtung. Mit 57 Jahren ist Toai der älteste Mann in der Familie. Vor ihm dürfen sie nicht mit dem Essen beginnen. Zügig, aber nicht hastig, seziert er mit seinen Essstäbchen den Fisch, den er aus dem nahe gelegenen Teich mit den dicken Schlieren im Wasser geangelt hat. Dann führt er den ersten Happen zum Mund.

Vater, Mutter, Sohn, Tochter. Jeder hat in der vietnamesischen Gesellschaft seine Rolle auszufüllen. Das jahrhundertealte Gefüge hat seinen Ursprung im Landleben mit den Traditionen und wird bis heute auch von den alten Anbaumethoden bestimmt. Gerade die Arbeit auf den pflegeintensiven Reisfeldern macht es nötig, dass alle Familienmitglieder zusammenarbeiten. Jeder an seinem Platz. Früher hing von der Ernte schließlich das Überleben ab.

Die Familie Phan lebt in einem Dorf nahe der Stadt Rach Gia im Süden Vietnams. Im Vergleich zu den Hütten der Nachbarn besitzt sie ein geradezu luxuriöses Heim. Zwei Zimmer, eine Küche. Alles überdacht mit Wellblech. Neonröhren an den Wänden, darunter zwei Holzbetten. Bambusmatten liegen darauf. Während im Fernseher ein Fußballspiel flimmert, brummt in der Ecke ein alter Computer mit Internetanschluss.

Auf dem staubigen Weg vor dem Gebäude scheppert der Reisverkäufer mit seinem Fahrrad vorbei. Aus einem Lautsprecher, den er an der Lenkstange hängen hat, verkündet eine verzerrte Tonbandstimme das Angebot. Sie übertönt das Kläffen der Hunde, das aus wenigen Metern Entfernung herüberschallt. Sie sind in einem an den Seiten offenen Schuppen festgekettet. Sie bewachen die Schweine: den Lebensunterhalt der Familie. Vater Toai verkauft das Sperma der Eber, mit dem Säue künstlich befruchtet werden. Umgerechnet sieben Euro erhält er jedes Mal dafür. Rund 150 Euro im Monat. Ein gutes Geschäft. Im Schnitt verdienen die Menschen auf dem Land monatlich 100 Euro.

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Written by Fabian Schweyher

6. Oktober 2010 at 18:42