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Hinter den Reisfeldern (5): Ein alter Störenfried

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Wer an Vietnam denkt, erinnert sich an den Krieg damals oder an einen vergangenen Urlaub. Kaum aber jemand beachtet, wie dort ein kommunistisches Regime versucht, Marktwirtschaft mit den alten Traditionen zu verbinden. Blicke nach Fernost – eine Serie in fünf Teilen.

Die Anspannung verpufft, als Toan Pham lächelnd die Tür zu seiner Wohnung öffnet. Kein Aufpasser weit und breit. Die Behörden lassen ihn diesmal offenbar unbehelligt. Der alte Mann lebt in Hanoi in einem Hochhaus im siebten Stock. Das Licht drückt sich durch die herab gelassenen Jalousien, als er sich grünen Tee einschenkt. Obwohl 79 Jahre alt wirkt er unruhig wie ein junger Mann. Er spricht schnell, er versteht schnell. Seinem Äußeren aber ist das Alter anzusehen. Die Haare am Kopf sind verschwunden. Die Haut ist mit Flecken übersät. Für die Behörden ist der alte Mann ein Störenfried.

Pham schreibt in seinem Internet-Blog gegen eines der wichtigsten Projekte der Regierung an. Zusammen mit chinesischen Firmen soll Bauxit – ein Erz, das für die Produktion von Aluminium benötigt wird – in Zentralvietnam abgebaut werden. Menschenrechtsaktivisten, Regimekritiker und Umweltschützer kritisieren den wachsenden Einfluss Chinas und die Verschmutzung, die beim Abbau des giftigen Bauxits entsteht. Die Regierung sieht in dem Protest dagegen eine Kampagne. Deshalb standen im Mai plötzlich vier Polizisten vor Toan Phams Wohnungstür und nahmen ihn mit auf die Wache. Was folgte war ein 16-stündiges Verhör. „Ich habe keine Angst gehabt“, sagt der frühere Schullehrer. „Wenn sie mir etwas angetan hätten, dann wären sie jetzt in der schwächeren Position.“ Seinen Blog musste er aufgeben. Er hat aber schon längst einen neuen.

„In Vietnam muss man lustig oder entschärft formulieren“, beschreibt Pham seine Erfahrung. Andernfalls gehe man das Risiko ein, von der Polizei festgenommen zu werden. Gleichzeitig wende sich die Öffentlichkeit ab. „Die Menschen haben Angst vor den Behörden. Sie haben Angst, ihre berufliche Stellung, ihren kleinen Wohlstand zu verlieren.“

Human Rights Watch hat 400 Menschen gezählt, die aus politischen oder religiösen Gründen in vietnamesischen Gefängnissen sitzen. Presse- und Meinungsfreiheit gibt es nicht, auch nicht im Internet. Nachdem sich Gegner des Bauxit-Projekts im Web zusammengeschlossen hatten, sperrten die Behörden im November 2009 vorübergehend mehrere Online-Netzwerke, darunter Facebook. Im März 2010 kam es laut Google zu Hacker-Angriffen auf politische Blogs. Und die Software-Firma McAfee berichtete, dass Spionage-Software gezielt auf Rechner gespielt wurde. Beide Attacken richteten sich gegen Kritiker des Bauxit-Projekts.

Toan Pham rechnet nicht damit, dass sich die politischen Verhältnisse ändern werden. „Das Leben in Vietnam lehrt uns, geduldig zu sein.“ Die Staatsmacht ersticke jeden Protest im Keim. Deswegen vermeide er es, sich mit anderen Bauxit-Kritikern zusammenzuschließen. Es dürfe keine Verbindung geben. Toan Pham weiß: „Wer sich organisiert, wird sofort niedergeschmettert.“

Toan Pham

Toan Pham

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Written by Fabian Schweyher

6. Oktober 2010 at 19:12

Der Aufpasser im Nebenzimmer

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„Es war schwierig“, sagt eine Journalistin, die kürzlich von einer Reise nach Vietnam zurückgekehrt ist. Während ihrer Recherchen über das dortige Gesundheitswesen wurde sie von einem Aufpasser unfreiwillig begleitet. Der Mann – offensichtlich ein Vertreter der kommunistischen Regimes – gab sich nie als solcher zu erkennen, hielt sich jedoch stets in ihrer Nähe auf: Im Hotel quartierte er sich im Nachbarzimmer ein. Bei Interviews saß er in Hörweite im Nebenraum.

Das passt zu dem Bild, das die Organisation Reporter ohne Grenzen zeichnet. In einem Ländervergleich, der den Grad der Pressefreiheit darstellen soll, landet Vietnam auf Rang 166. Nur neun Länder schneiden noch schlechter ab.

Laut der Organisation verfolgt und behindert die Staatsführung kritische Journalisten und Blogger. Offensichtlich ist das im Internet: Seit 2009 sind politische Diskussionen in Internet-Foren und Blogs verboten. Im November desselben Jahres wurde die Community-Website Facebook teilweise gesperrt.

Um die Freiheitsrechte scheint es in Vietnam schlecht bestellt zu sein. Nach Angaben von Human Rights Watch ließen die Behörden allein 2009 Dutzende Menschen verhaften, die sich für Demokratie, Religion oder Menschenrechte eingesetzt hatten. Der Vorwurf: „Propaganda gegen den Staat“. Mindestens 20 von ihnen wurden zu Haftstrafen verurteilt. Damit beläuft sich nach Angaben der Organisation die Zahl der Menschen, die aus politischen oder religiösen Gründen in vietnamesischen Gefängnissen einsitzen, auf mehr als 400.

Written by Fabian Schweyher

15. Juni 2010 at 08:49