Vietnam-Notizen

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Hinter den Reisfeldern (5): Ein alter Störenfried

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Wer an Vietnam denkt, erinnert sich an den Krieg damals oder an einen vergangenen Urlaub. Kaum aber jemand beachtet, wie dort ein kommunistisches Regime versucht, Marktwirtschaft mit den alten Traditionen zu verbinden. Blicke nach Fernost – eine Serie in fünf Teilen.

Die Anspannung verpufft, als Toan Pham lächelnd die Tür zu seiner Wohnung öffnet. Kein Aufpasser weit und breit. Die Behörden lassen ihn diesmal offenbar unbehelligt. Der alte Mann lebt in Hanoi in einem Hochhaus im siebten Stock. Das Licht drückt sich durch die herab gelassenen Jalousien, als er sich grünen Tee einschenkt. Obwohl 79 Jahre alt wirkt er unruhig wie ein junger Mann. Er spricht schnell, er versteht schnell. Seinem Äußeren aber ist das Alter anzusehen. Die Haare am Kopf sind verschwunden. Die Haut ist mit Flecken übersät. Für die Behörden ist der alte Mann ein Störenfried.

Pham schreibt in seinem Internet-Blog gegen eines der wichtigsten Projekte der Regierung an. Zusammen mit chinesischen Firmen soll Bauxit – ein Erz, das für die Produktion von Aluminium benötigt wird – in Zentralvietnam abgebaut werden. Menschenrechtsaktivisten, Regimekritiker und Umweltschützer kritisieren den wachsenden Einfluss Chinas und die Verschmutzung, die beim Abbau des giftigen Bauxits entsteht. Die Regierung sieht in dem Protest dagegen eine Kampagne. Deshalb standen im Mai plötzlich vier Polizisten vor Toan Phams Wohnungstür und nahmen ihn mit auf die Wache. Was folgte war ein 16-stündiges Verhör. „Ich habe keine Angst gehabt“, sagt der frühere Schullehrer. „Wenn sie mir etwas angetan hätten, dann wären sie jetzt in der schwächeren Position.“ Seinen Blog musste er aufgeben. Er hat aber schon längst einen neuen.

„In Vietnam muss man lustig oder entschärft formulieren“, beschreibt Pham seine Erfahrung. Andernfalls gehe man das Risiko ein, von der Polizei festgenommen zu werden. Gleichzeitig wende sich die Öffentlichkeit ab. „Die Menschen haben Angst vor den Behörden. Sie haben Angst, ihre berufliche Stellung, ihren kleinen Wohlstand zu verlieren.“

Human Rights Watch hat 400 Menschen gezählt, die aus politischen oder religiösen Gründen in vietnamesischen Gefängnissen sitzen. Presse- und Meinungsfreiheit gibt es nicht, auch nicht im Internet. Nachdem sich Gegner des Bauxit-Projekts im Web zusammengeschlossen hatten, sperrten die Behörden im November 2009 vorübergehend mehrere Online-Netzwerke, darunter Facebook. Im März 2010 kam es laut Google zu Hacker-Angriffen auf politische Blogs. Und die Software-Firma McAfee berichtete, dass Spionage-Software gezielt auf Rechner gespielt wurde. Beide Attacken richteten sich gegen Kritiker des Bauxit-Projekts.

Toan Pham rechnet nicht damit, dass sich die politischen Verhältnisse ändern werden. „Das Leben in Vietnam lehrt uns, geduldig zu sein.“ Die Staatsmacht ersticke jeden Protest im Keim. Deswegen vermeide er es, sich mit anderen Bauxit-Kritikern zusammenzuschließen. Es dürfe keine Verbindung geben. Toan Pham weiß: „Wer sich organisiert, wird sofort niedergeschmettert.“

Toan Pham

Toan Pham

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  1. Die alten Regeln
  2. Einsam in der Millionenstadt
  3. Die besten Noten als Ziel
  4. Den Krieg im Körper
  5. Ein alter Störenfried
  6. Hintergrund: Das Land Vietnam
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Written by Fabian Schweyher

6. Oktober 2010 at 19:12

Hinter den Reisfeldern (4): Den Krieg im Körper

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Wer an Vietnam denkt, erinnert sich an den Krieg damals oder an einen vergangenen Urlaub. Kaum aber jemand beachtet, wie dort ein kommunistisches Regime versucht, Marktwirtschaft mit den alten Traditionen zu verbinden. Blicke nach Fernost – eine Serie in fünf Teilen.

Auf den ersten Blick sieht Binh gesund aus. Die 22-Jährige sitzt an einem niedrigen Tisch. Auf dessen Platte liegt ein Stofftuch. Sie schaut neugierig auf, mustert den Besucher, lächelt und sticht wieder mit der Nadel zwischen ihren Fingern durch den Stoff. Der grüne Faden zieht sich entlang des aufgezeichneten Blumenmusters. Ihre Lehrerin sagt: „Sie ist langsam im Kopf.“ Und als sie sich von ihrem Stuhl erhebt, fallen die verdrehte Körperhaltung und ihre Größe von nur 1,40 Meter auf. Binh ist Opfer des Vietnam-Kriegs, obwohl der bei ihrer Geburt seit 13 Jahren vorüber war. Ihre Eltern waren der Chemikalie Agent Orange ausgesetzt.

Im Vietnam-Krieg von 1965 bis 1975 kämpften die US-Soldaten gegen die Truppen des kommunistischen Nordvietnam, während sie im Süden in einen Guerillakrieg verwickelt wurden. Der Krieg war der erste, in dem gezielt die Natur vernichtet wurde. Das sagt die Vereinigung der Agent-Orange-Opfer (VAVA). US-Flugzeuge versprühten geschätzte 80 Millionen Liter Chemikalien, um den Dschungel zu entlauben und die Gegner sichtbar zu machen. Die Hälfte davon Agent Orange. Die US-Soldaten nannten es so, weil es in orangefarbenen Fässern angeliefert wurde. Das Entlaubungsmittel enthielt hochgiftiges Dioxin.

Binh lebt im „Dorf der Freundschaft“ in der Nähe von Hanoi. Das Dorf ist ein Hilfsprojekt für Agent-Orange-Opfer. 1988 wurde es von einem US-Veteranen gegründet. 120 Jugendliche leben dort. Sie werden unterrichtet und medizinisch betreut.

Manche, wie Binh, leiden unter vergleichsweise leichten körperlichen und geistigen Behinderungen. Andere sind blind oder taub. Wieder andere sitzen festgezurrt in Rollstühlen. Sie haben heftige körperliche Missbildungen. Ihre Köpfe sind wie aufgeblasen.

Nach dem Krieg erkrankten drei Millionen Vietnamesen, weil sie Agent Orange ausgesetzt waren. Die US-Armee hatte eine Fläche von rund 14 Millionen Hektar besprüht. Während 35 Jahre nach dem Krieg die Natur ihre kahlen Narben zeigt, lauert das Dioxin in der Erde und gelangt über den Nahrungskreislauf in die Menschen. Laut VAVA sind nach dem Krieg 200 000 Kinder mit Behinderungen geboren worden. Inzwischen ist die dritte Generation betroffen.

Vor zehn Jahren hat Binh in der Einrichtung eine neue Heimat gefunden. Weit entfernt von ihren Angehörigen. „Zu Hause ging es mir gesundheitlich schlecht, hier ist es besser“, sagt sie. Seit einem Monat jetzt lernt sie das Sticken. Vielleicht kann sie eines Tages damit Geld verdienen. Auch an einem Computerkurs nimmt sie teil, der ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern soll. Trotzdem sagt sie: „Ich denke nicht an die Zukunft, niemals.“ Sie hat Angst. Ihr Vater ist an den Folgen von Agent Orange umgekommen. Wenn auch ihre Mutter stirbt, wird Binh allein sein.

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Gesichter einer Stadt: Mit Herrn Duong durch Hanoi

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Jeden Tag sitzt Tuong Duong an einem See im Zentrum Hanois und übersetzt Bücher. Jeden Tag sieht er, wie rasant sich die Metropole verändert. Im Oktober wird sie 1000 Jahre alt.

Die Augen von Tuong Duong sind schwach, doch dem 78-Jährigen bleibt nicht verborgen, wie schnell sich Hanoi verändert. Um die offensichtlichsten Zeichen der Zeit zu sehen, müsste er nur von seiner Parkbank aufblicken. Über den Baumwipfeln wachsen in der Entfernung neue Hochhäuser in den Himmel. Der Hoan-Kiem-See dagegen, der friedlich vor Duong ruht, ist schon immer da gewesen. Er liegt im Zentrum der Stadt, die Baumringen gleich um ihn gewachsen ist.

Wie jeden Nachmittag hat sich der Übersetzer am Ufer niedergelassen. Auf seinen Schenkeln ein Notebook. Neben ihm aufgeschlagen „Lolita“ von Vladimir Nabokov. Er übersetzt es Wort für Wort aus dem Englischen bis das Werk irgendwann auf Vietnamesisch zu lesen sein wird. Um ihn herum streichelt der Wind die Blätter der Bäume, das Wasser kräuselt sich. Auf einer kleinen, mit Gras bewachsenen Insel erhebt sich sanft der Schildkrötenturm. Der Legende zufolge soll Kaiser Le Thai To einst mit einem Zauberschwert die chinesischen Besatzer vertrieben haben. Nach dem Krieg begegnete er dem Schildkrötengott, der sich das Schwert schnappte und im See verschwand. Wenige Meter hinter dem alten Mann flitzen die Motorroller um den See. Junge Männer preschen über den Asphalt.

Langsamer ist eine Frau unterwegs, hinter der sich drei kleine Kinder auf dem Sitz drängen. Gekonnt umkurvt sie das Moped eines Arbeiters mit gelbem Schutzhelm und blauer Kluft. Die Metallstangen, die er geladen hat, ragen weit über sein Zweirad hinaus. Während die Motoren knattern, heulen immer wieder die Hupen auf. „Früher war es leiser in der Stadt“, sagt Duong auf Englisch. Noch in den 1980ern waren seine Landsleute mit Fahrrädern in der Stadt unterwegs. Erst als sich das kommunistische Vietnam der Marktwirtschaft öffnete, wurden Mopeds langsam erschwinglich.

Hanoi ist eine Stadt mit langer Geschichte. Genau 1000 Jahre wird sie am 10. Oktober alt. Zehn Tage soll gefeiert werden. Gebäude und Straßen wurden extra hergerichtet. Schließlich soll alles prächtig aussehen, wenn eine Parade mit 12.000 Menschen durch die Stadt zieht.

Bereits zur Zeit der Stadtgründung war die heutige Altstadt ein wichtiges Handelszentrum. „Sie ist das Herz von Hanoi“, sagt Duong. Wie in einem Ameisenhaufen wuseln die Menschen über die schmalen Straßen und die noch engeren Gassen. Geschäft an Geschäft. Das Viertel wird auch als „36 Gassen“ bezeichnet, weil sich hier im 13. Jahrhundert 36 Gilden ansiedelten. Das ist an den Straßennamen ablesbar, die nach den Waren benannt sind, die es damals zu kaufen gab. So arbeiteten die Hutmacher in der Hang-Non-Straße, während in der Hang Vai die Schneider lebten. Heutzutage müssten einige Straßen wohl umbenannt werden, weil nur noch Souvenirs für Touristen in der Auslage liegen – von Buddhafiguren bis gefälschten Markenkleidern.

Am Abend erleidet die Altstadt ihren täglichen Verkehrsinfarkt. An den Kreuzungen verstricken sich die Motorbikes zu Knäuel, während immer weitere Fahrzeuge hineinpressen. Zentimeter für Zentimeter. Lärm. Abgase. Gleichzeitig öffnen auf den Gehwegen die Imbissbuden und die Bierstände. Hier sitzen diejenigen, die schon Feierabend haben. Während die einen mit Holzstäbchen ihre Nudelsuppen in sich hineinschaufeln, stoßen die anderen mit süffigem Bier an.

Auf seiner Parkbank hat Tuong Duong eine Pause eingelegt. Aus einem Behälter, den er mitgebracht hat, gießt er sich grünen Tee ein. Dann widmet er sich wieder seinem Buch. „Ich liebe meine Arbeit“, sagt er lächelnd. Mehr als 50 Bücher hat er übersetzt. Schlager wie „Sakrileg“, aber auch Werke von Camus, Musil und Sartre. „Meistens übersetze ich Bücher von Autoren, die ich sehr liebe“, sagt er. Einer davon ist Günter Grass, dessen „Blechtrommel“ er im Jahr 2000 bearbeitet hat. In Vietnam werden Bücher ausländischer Autoren selten in der Landessprache veröffentlicht, weil es an Übersetzern fehlt. Duongs erfolgreichste Arbeit ist „Vom Winde verweht“, das in einer Millionenauflage gedruckt wurde. „Wir Vietnamesen kennen uns mit Kriegen aus“, erklärt er sich den Erfolg.

Der lange Weg zur Unabhängigkeit, die gewonnenen Kriege gegen die Kolonialmacht Frankreich und gegen die USA spielen eine gewichtige Rolle im Selbstverständnis der Vietnamesen. Auch an Duongs Leben spiegelt sich die Geschichte: Mit 17 Jahren brach er die Schule ab, um für die Unabhängigkeit zu kämpfen. Selbst im Krieg ließ ihn sein Faible für Literatur nicht los. „Wenn wir einen französischen Stützpunkt eingenommen hatten, plünderten wir ihn“, erinnert er sich. „Ich habe die Bücher genommen.“ Während des Kriegs gegen die USA arbeitete er dann als Journalist für die Nordvietnamesen.

Erbeutete Panzer, Düsenjäger und Hubschrauber sind im Hof des Armeemuseums wie Trophäen ausgestellt. Am Eingang verkauft eine Soldatin in schnittiger grüner Uniform die Eintrittskarten. Sie blickt streng und ist doch freundlich. Das passt zum Museum: Im Inneren ist der Kriegsverlauf aus Sicht des kommunistischen Regimes dargestellt. Im Erdgeschoss verkauft eine vietnamesische Kaffeehauskette Getränke – eine exakte Kopie der US-Firma Starbucks.

Eine lange Schlange hat sich vor dem Mausoleum von Ho Chi Minh aufgereiht, der 1945 die Unabhängigkeit des Landes ausgerufen hatte. Die meisten Vietnamesen verehren ihn als kommunistischen Vordenker, als Vater der Nation. Wer seinen Leichnam sehen will, muss sich am Eingang in eine Gruppe einreihen lassen, immer zwei Besucher nebeneinander. Dann geht es im Gänsemarsch zum Gebäude – eine Mischung aus griechischem Tempel und Panzerschrank. Die Aufpasser achten penibel darauf, dass sich die Gruppe respektvoll verhält. Als sich ein junger Chinese zu laut mit seiner Begleiterin unterhält, weist ihn ein Gardesoldat leise, aber ruppig zurecht. Und plötzlich tritt man in eine dunkle Kammer, in der der beleuchtete Leichnam Ho Chi Minhs aufgebahrt ist. Entgegen seinem Wunsch, nach dem Tod eingeäschert zu werden, hat das Regime seine Leiche einbalsamieren lassen.

Für Ausländer hat der Personenkult abstrakte Züge. Ho Chi Minhs Konterfei ist in Hanoi auf vielen Plakaten und Häuserfassaden zu sehen. In TV-Sendungen wird er von jungen Frauen besungen. Doch das Hanoi zur Zeit von Ho Chi Minh hat wenig mit der heutigen Hauptstadt und ihren 6,5 Millionen Einwohnern gemein. Westliche Firmen haben sich angesiedelt. Bürotürme prägen das Stadtbild. Edelboutiquen bieten Luxuswaren an. In Vietnam scheint die Marktwirtschaft die kommunistischen Grundsätze überrollt zu haben. „Die jungen Vietnamesen wollen beruflich erfolgreich sein“, sagt Tuong Duong. Die Vergangenheit und die kommunistischen Ideale, mit der sich ältere Vietnamesen identifizieren, verblassen. „Das ist eine normale Entwicklung“, sagt der 78-Jährige.

Wenn die Nacht früh am Abend einbricht und Hanoi in ein Lichtermeer verwandelt, füllt sich der Park um den Hoan-Kiem-See. Familien sitzen zusammen. Die Alten machen Aerobic, die Jungen schmusen im Halbdunkeln. Etwas abgesondert tanzen Halbstarke Breakdance. Einer von ihnen wirbelt über den Boden, während ein Parkwächter herablassend zuschaut. Die Lichter der Stadt spiegeln sich auf dem Wasser und verschwimmen. Tuong Duong packt seine Sachen. Am nächsten Tag wird er wieder kommen.

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Written by Fabian Schweyher

21. September 2010 at 21:42

Knallhart nachgefragt in der Holzklasse

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Die Ventilatoren an der Decke ziehen ihre Kreise. Der Fahrtwind schießt durch die geöffneten Fenster in den Zugwagen und lindert doch nicht die Hitze. 40 Grad im Schatten. Wie jeden Tag. Schweißperlen rollen an meinen Schläfen hinunter, fließen in den Rahmen der Brille. Auch am Rücken ziehen sie ihre Bahnen. Dunkle Flecken auf dem hellen Hemd. Mein Körper arbeitet. Ich hasse das Schweißbad. Umso mehr verwundert mich der Anblick der Vietnamesen auf den Holzbänken. Normalerweise jammern sie über die hohen Temperaturen, im ständigen Widerspruch zu ihrer makellosen Erscheinung. Jetzt bedeckt eine Schweißschicht viele der erschöpften Gesichter. Es muss wirklich heiß sein.

Es sind rund 100 Kilometer von Ninh Binh bis zur Hauptstadt Hanoi. Knapp drei Stunden Fahrt. Viele Studenten sitzen in den Wägen, die auf dem Weg nach Hause sind. Vor wenigen Tagen haben die Semesterferien begonnen. Kurz vor jedem Halt schreien die Schaffner den Namen der Station durch den Zug. Natürlich verstehe ich kein Wort.

Ich bin der einzige Ausländer in der Holzklasse. Mir gegenüber sitzt eine ältere Frau. Sie mustert mich neugierig. Mit meinem kläglichen Vietnamesisch und ihrem kläglichen Englisch werfen wir uns Satzfragmente zu. Auch dieses Mal bekomme ich die für Vietnamesen scheinbar wichtigste aller Fragen gestellt: „Are you married?“. Und gleich hinterher: „Where is your girlfriend?“ Dazu muss man wissen: Für Vietnamesen ist die Familie die wichtigste Institution im Leben – von Anfang bis Ende. Sie ist das Element, das Halt und Glück verspricht. Viele Vietnamesen stellen ihre Wünsche und Bedürfnisse hinter das Glück in der Familie. So überrascht es mich nicht, dass die Frau zum Schluss wissen will: „Are you happy?“. Nach meinem Ja lehnt sie sich beruhigt zurück.

Noch zehn Kilometer bis zum Bahnhof von Hanoi. Die Häuserschluchten rücken näher, immer näher – bis es nicht mehr enger geht. In zwei Metern Abstand ziehen nun an beiden Seiten die Häuser vorbei. Der Spalt ist so eng, dass kein Sonnenstrahl das Innere des Zuges erreicht. Der Blick aus dem Zugfenster ist wie ein Logenplatz im Kino: In den Hauseingängen sitzen die Bewohner Hanois, schauen Fernsehen, schlafen. Andere schrauben an Motorrollern, kochen oder lesen mit nacktem Oberkörper Zeitung. Dem Zug schenken sie keine Beachtung.

Diese Menschen leben ganz nah an dem Zuggleis.

Hier fahren mehrmals am Tag Züge durch.

Zwischen Häusern und Zugstrecke ist wenig Platz.

Zwischen Häusern und Strecke ist wenig Platz.

In kurzen Abständen kreuzen Straßen das Gleis.

In kurzen Abständen kreuzen Straßen das Gleis.

Written by Fabian Schweyher

16. Juli 2010 at 05:53

Knietief im Wasser

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Mitte Juli wurde Hanoi nach stundenlangen Regenfällen teilweise überschwemmt. Dabei starben drei Menschen. Während in der Innenstadt der Verkehr zusammenbrach, saß ich in einem Taxi …

Der Fahrer schaut fassungslos auf den kleinen See, der sich vor ihm ausbreitet. Der Weg ist versperrt. Es regnet seit Stunden. Die Innenstadt von Hanoi hat sich in einer Wasserwelt verwandelt. Wo vorher Straßenasphalt war, steht nun das Wasser kniehoch.

Der Fahrer wendet das Taxi, nimmt eine andere Route. Wenig später treffen wir erneut auf einen Straßenabschnitt, der nicht passierbar ist. Es ist wie eine Fahrt durch ein Labyrinth. Wo ist der Ausgang?

Vor einer Kreuzung kommen wir abermals zum Stehen. Auch dort scheint das Wasser zu tief zu sein. Die mutigen Motorbikefahrer fahren lässig hindurch – die Beine akrobatisch in die Höhe gereckt. Das Wasser reicht ihnen bis knapp unter den Sitz. Die Mehrheit fährt dagegen ganz langsam. Viele schieben.

Mein Fahrer schaut auf das Wasser, als ob er auf eine Eingebung warten würde. Vermutlich fürchtet er sich vor Schlaglöchern oder dass der Auspuff unter die Wasserdecke gerät – das sichere Aus für unsere Fahrt. Als ein Auto an uns vorbei und durch den künstlichen See rollt, erwacht sein Mut. Wir fahren langsam hinterher, genau auf derselben Spur unseres Vorgängers. Das wuchtige Fahrzeug vor uns löst eine Welle aus, die gegen eine Hausmauer rollt und sich dort mit einem klatschenden Geräusch bricht.

Zum Glück stehen dort keine Menschen. Wenige Meter weiter stehen sie dicht gedrängt in den Hauseingängen und verfolgen das Geschehen. Das Wasser reicht ihnen bis knapp unter die Badelatschen. Sie haben Glück. In Vietnam liegen Erdgeschosse häufig etwas erhöht und sind über zwei, drei Stufen zu erreichen. Die ansonsten so quirlige Stadt ist kurzzeitig zur Ruhe gekommen.

Ein Bild von den Überschwemmungen hier zu sehen.

Written by Fabian Schweyher

13. Juli 2010 at 09:42

Veröffentlicht in Beobachtungen, Land und Bevölkerung

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Die WG im Zug

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Es kommt wie befürchtet. Um 5.30 Uhr ist die Nacht für mich vorbei. Meine fünf Mitfahrer im Zugabteil sind wach. Lautstark quasseln die Erwachsenen beim Frühstück, während die Kinder durch den Zug toben. Die Sonne strahlt mir durch das Fenster in die Augen. Ich richte mich auf, schaue nach unten. Die Frau im linken Stockbett lacht mir ins Gesicht.

Vor zehn Stunden hat die Fahrt in Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon) in Richtung Hanoi begonnen. Elf weitere Stunden in dieser rumpelnden metallenen Schlange liegen vor mir, bis ich nach insgesamt 1000 Kilometern in Hue aussteigen werde.

Der Zug fährt heutzutage immer noch auf der Strecke, die 1936 eröffnet wurde. Einspurig. An der Küstenlinie Vietnams entlang verbindet der sogenannte „Wiedervereinigungsexpress“ die beiden Metropolen des Landes. Im Vietnamkrieg wurde die Trasse immer wieder zerstört. Erst nach dem Sieg der Nordvietnamesen über Südvietnam war nicht nur die Teilung des Landes vorbei, auch die Züge rollten wieder.

Ich reise komfortabel im Vier-Bett-Abteil der Kategorie „Soft Sleeper“. Ein Bett besteht aus einer Pritsche, die an zwei Eisenketten hängt und auf der eine dünne, aber angenehme Matratze liegt. Darauf ein frisches Leinentuch. Kopfkissen und Decke tragen dagegen Schweiß und Geruch der Vorgänger. Neben dieser Oberklasse gibt es die „Hard Sleeper“-Betten in Sechs-Mann-Abteilen sowie Sitzwägen.

Letztendlich hausen wir zu sechst in dem Vier-Bett-Abteil. Die Frau im Bett unter mir hat ihre beiden Kinder mitgebracht – ohne für sie Fahrscheine zu lösen. Die junge Zugschaffnerin in der schnittigen blauen Uniform und mit den schulterlangen schwarzen Haaren ist erbost. Immer wieder stürmt sie verärgert das Abteil, um nach kurzer Diskussion genauso verärgert wieder zu verschwinden.

Mein Bettnachbar heißt Duc, was so viel heißt wie „der Deutsche“. 16 Jahre ist er alt. Die vergangenen drei Jahre hat er in der Schule Englisch gelernt. So unterhalten wir uns ein wenig. Wie immer mit Hilfe eines Schreibblocks und eines Kugelschreibers. Wie viele Jugendliche in seinem Alter ist er neugierig und beobachtet genau, womit ich mich während der Fahrt beschäftige. Wie viele Vietnamesen kennt er sich mit Fußball in Deutschland aus. Wie viele Vietnamesen ist er höflich. So entschuldigt er sich zu meiner Überraschung, als ich ihm sage, dass ich seine Zuneigung für den FC Bayern München nicht teile.

Der Zug erreicht Danang, die drittgrößte Stadt gelegen in der Mitte des Landes. Im Vietnamkrieg waren hier 1965 die ersten US-Soldaten in voller Kampfmontur an Land gegangen. Empfangen wurden sie nicht von Maschinengewehrfeuer, sondern angeblich von winkenden Schulmädchen in langen traditionellen Gewändern.

Von Danang sind es noch 100 Kilometer bis Hue. Dazwischen liegen die Truong-Sen-Berge. Eine natürliche Grenze zwischen Nord- und Südvietnam. Um sie zu überwinden, mussten Autos und LKWs bis 2005 den sogenannten „Wolkenpass“ nehmen. Eine gefährliche und spektakuläre Strecke. Inzwischen rollt der Straßenverkehr durch einen Tunnel, während der Zug seiner alten Route folgt. Sie schlängelt sich entlang der Berghänge, immer in der Nähe der Küstenlinie. Weit unterhalb des Zuges rauschen die Wellen an die unberührten Sandstrände, während der Zug an Palmen und dichtem Gestrüpp vorbeifährt, immer wieder unterbrochen von Tunneln. Dabei ist er vor allem eines: langsam. Das heftige Gefälle können selbst Ungeschulte sehen.

Nach 21 Stunden endet meine Fahrt. Hue ist erreicht. Ich steige aus und bahne mir den Weg an den zahlreichen Händlern vorbei, die ihre Waren verkaufen wollen. Hinter mir kommt der Zug wieder ins Rollen. Es sind noch 700 Kilometer bis Hanoi. In 13 Stunden wird auch er sein Ziel erreicht haben.

Durch dichte Vegetation fährt der Zug.

Zwischen Danang und Hue: dichte Vegetation.

Blick aufs Meer

Blick aufs Meer

An der Küstenlinie entlang.

An der Küstenlinie entlang.

Written by Fabian Schweyher

6. Juli 2010 at 09:05