Vietnam-Notizen

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Hinter den Reisfeldern (3): Die besten Noten als Ziel

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Wer an Vietnam denkt, erinnert sich an den Krieg damals oder an einen vergangenen Urlaub. Kaum aber jemand beachtet, wie dort ein kommunistisches Regime versucht, Marktwirtschaft mit den alten Traditionen zu verbinden. Blicke nach Fernost – eine Serie in fünf Teilen.

Mittagspause. An den Imbissständen am Straßenrand drängeln sich die Studenten. Ruhig liegt dagegen der Campus der Vietnamesisch-Deutschen Universität (VGU) in Ho-Chi-Minh-Stadt da. Die alleingelassene Wachfrau am Eingang bemerkt sofort, als ihr Long und Khai entgegen schlappen. Seit einem Jahr studieren die beiden 20-Jährigen Elektrotechnik. Einer von vier Studiengängen, die hier von 110 Vietnamesen belegt werden.

Dabei handelt es sich um Duplikate von Studiengängen, die es an den deutschen Partnerhochschulen der VGU bereits gibt. Auch deren Dozenten reisen an. Unterrichtet wird auf Englisch. Deutsch steht auf dem Lehrplan. Student Khai schätzt die internationale Ausrichtung: „Davon werde ich in meinem späteren Beruf profitieren.“ In zwei Jahren wird er einen deutschen Bachelor-Abschluss in den Händen halten.

Gut gelaunt sitzt Wolfgang Rieck in seinem Büro im ersten Stock. „Im Grunde genommen bin ich ein vietnamesischer Beamter“, sagt der VGU-Präsident amüsiert. Seit 2008 wird die Hochschule vom Staat betrieben, nach deutschem Regeln. Das führt dazu, dass die VGU im diktatorisch regierten Vietnam unabhängig arbeiten kann. Der 67-Jährige bestimmt, was unterrichtet wird und von wem. „Bislang bin ich in keiner Weise beeinträchtigt worden“, sagt der frühere Präsident der Fachhochschule Frankfurt. Die Regierung gewährt den Spielraum, weil das Bildungssystem marode ist. Die VGU ist ein Experiment, das in wenigen Jahren von Vietnamesen fortgeführt werden soll.

Die Gebühr für ein Semester beträgt 590 Euro. Rund vier Monatslöhne für einen einfachen Arbeiter. Doch die Gesellschaft betrachtet Bildung als hohes Gut. Dazu kommt, dass die Menschen im Alter auf keine Rente hoffen können. „Die Familien legen sich krumm, damit ihre Kinder die bestmöglichen Schulen und Universitäten besuchen können“, sagt Rieck. Deswegen sei das Selbstverständnis der Studenten ein anderes. „Schwänzen oder faul sein gibt es nicht.“ Darauf angesprochen sagt Student Long, der Hotelmanager werden möchte: „Jeder Student sollte hart für das Studium arbeiten.“ Bei Khai geht der Eifer so weit, dass sein Abschluss einer der besten in der Region werden soll.


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  3. Die besten Noten als Ziel
  4. Den Krieg im Körper
  5. Ein alter Störenfried
  6. Hintergrund: Das Land Vietnam

 

Written by Fabian Schweyher

6. Oktober 2010 at 19:00

Die Sprachschule im Park

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Oft dauert es nur wenige Minuten bis sie vor einem stehen: Wer sich in der Parkanlage neben dem Touristenviertel von Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon) erholen will, wird schnell von Studenten angesprochen. Sie bitten um eine Unterhaltung, um so ihr Englisch zu verbessern. Einer von ihnen ist Son Duc Hoang. Der 18-Jährige studiert an der Universität Internationale Beziehungen.

Du kommst oft in den Park, um im Gespräch mit Touristen dein Englisch zu verbessern. Das klingt zunächst seltsam. Warum machst du das?

Son: Für uns Studenten sind englische Sprachkenntnisse sehr wichtig. Wer nach dem Studium Karriere machen will oder einen gut bezahlten Arbeitsplatz finden möchte, muss Englisch sprechen können. Dieser Park ist der beste Ort in Ho-Chi-Minh-Stadt, um sich mit ausländischen Touristen auf Englisch zu unterhalten und die Aussprache zu trainieren. Es ist umsonst und ich kann viel über andere Länder und Kulturen erfahren. Das ist sehr interessant.

Ist der Englisch-Unterricht in den vietnamesischen Schulen so schlecht?

In der Schule hatte ich sieben Jahre lang das Fach Englisch. Der Unterricht beschränkte sich allerdings auf Grammatik und Schreiben. Das war sehr langweilig. Wie man auf Englisch miteinander spricht und wie man die Wörter richtig ausspricht, haben wir fast überhaupt nicht geübt. Unsere Lehrer konnten die Wörter oft selbst nicht richtig aussprechen.

Wie häufig kommst du in den Park, um Touristen anzusprechen?

In der Woche komme ich rund drei Mal hierher, meistens für zwei bis drei Stunden. Als ich noch mehr Zeit hatte, war ich an fünf Tagen in der Woche hier.

Wie läuft ein solches Gespräch ab?

So wie eine Unterhaltung mit einem Menschen abläuft, den man nicht kennt. Ich stelle viele Fragen. Ich erkundige mich nach dem Namen, woher er kommt, wie lange er in Vietnam sein wird, was er schon gesehen hat, wohin er reisen wird und so weiter. Wenn es gut läuft, entwickelt sich ein richtiges Gespräch.

Und wie reagieren die Touristen, wenn du sie ansprichst?

Drei von vier winken gleich ab. Viele fürchten sich, dass ich Geld von ihnen will oder etwas verkaufen möchte. Viele haben auch keine Zeit oder sind in Eile. Wenn eine Unterhaltung zustande kommt, dauert sie maximal 30 Minuten, meistens ist sie viel kürzer.

Wie viele Studenten wollen denn in der Parkanlage ihre Englisch-Kenntnisse verbessern?

Es sind immer so um die 20 Studenten an jedem Tag hier. Viele kommen regelmäßig. Die Idee hat sich in den vergangenen Monaten herumgesprochen. Manchmal haben wir nun das Problem, dass nicht genügend Touristen für alle da sind.

Will sein Englisch verbessern: Der 18-jährige Son.

Son will sein Englisch verbessern.

Written by Fabian Schweyher

25. Juni 2010 at 07:06