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Gesichter einer Stadt: Mit Herrn Duong durch Hanoi

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Jeden Tag sitzt Tuong Duong an einem See im Zentrum Hanois und übersetzt Bücher. Jeden Tag sieht er, wie rasant sich die Metropole verändert. Im Oktober wird sie 1000 Jahre alt.

Die Augen von Tuong Duong sind schwach, doch dem 78-Jährigen bleibt nicht verborgen, wie schnell sich Hanoi verändert. Um die offensichtlichsten Zeichen der Zeit zu sehen, müsste er nur von seiner Parkbank aufblicken. Über den Baumwipfeln wachsen in der Entfernung neue Hochhäuser in den Himmel. Der Hoan-Kiem-See dagegen, der friedlich vor Duong ruht, ist schon immer da gewesen. Er liegt im Zentrum der Stadt, die Baumringen gleich um ihn gewachsen ist.

Wie jeden Nachmittag hat sich der Übersetzer am Ufer niedergelassen. Auf seinen Schenkeln ein Notebook. Neben ihm aufgeschlagen „Lolita“ von Vladimir Nabokov. Er übersetzt es Wort für Wort aus dem Englischen bis das Werk irgendwann auf Vietnamesisch zu lesen sein wird. Um ihn herum streichelt der Wind die Blätter der Bäume, das Wasser kräuselt sich. Auf einer kleinen, mit Gras bewachsenen Insel erhebt sich sanft der Schildkrötenturm. Der Legende zufolge soll Kaiser Le Thai To einst mit einem Zauberschwert die chinesischen Besatzer vertrieben haben. Nach dem Krieg begegnete er dem Schildkrötengott, der sich das Schwert schnappte und im See verschwand. Wenige Meter hinter dem alten Mann flitzen die Motorroller um den See. Junge Männer preschen über den Asphalt.

Langsamer ist eine Frau unterwegs, hinter der sich drei kleine Kinder auf dem Sitz drängen. Gekonnt umkurvt sie das Moped eines Arbeiters mit gelbem Schutzhelm und blauer Kluft. Die Metallstangen, die er geladen hat, ragen weit über sein Zweirad hinaus. Während die Motoren knattern, heulen immer wieder die Hupen auf. „Früher war es leiser in der Stadt“, sagt Duong auf Englisch. Noch in den 1980ern waren seine Landsleute mit Fahrrädern in der Stadt unterwegs. Erst als sich das kommunistische Vietnam der Marktwirtschaft öffnete, wurden Mopeds langsam erschwinglich.

Hanoi ist eine Stadt mit langer Geschichte. Genau 1000 Jahre wird sie am 10. Oktober alt. Zehn Tage soll gefeiert werden. Gebäude und Straßen wurden extra hergerichtet. Schließlich soll alles prächtig aussehen, wenn eine Parade mit 12.000 Menschen durch die Stadt zieht.

Bereits zur Zeit der Stadtgründung war die heutige Altstadt ein wichtiges Handelszentrum. „Sie ist das Herz von Hanoi“, sagt Duong. Wie in einem Ameisenhaufen wuseln die Menschen über die schmalen Straßen und die noch engeren Gassen. Geschäft an Geschäft. Das Viertel wird auch als „36 Gassen“ bezeichnet, weil sich hier im 13. Jahrhundert 36 Gilden ansiedelten. Das ist an den Straßennamen ablesbar, die nach den Waren benannt sind, die es damals zu kaufen gab. So arbeiteten die Hutmacher in der Hang-Non-Straße, während in der Hang Vai die Schneider lebten. Heutzutage müssten einige Straßen wohl umbenannt werden, weil nur noch Souvenirs für Touristen in der Auslage liegen – von Buddhafiguren bis gefälschten Markenkleidern.

Am Abend erleidet die Altstadt ihren täglichen Verkehrsinfarkt. An den Kreuzungen verstricken sich die Motorbikes zu Knäuel, während immer weitere Fahrzeuge hineinpressen. Zentimeter für Zentimeter. Lärm. Abgase. Gleichzeitig öffnen auf den Gehwegen die Imbissbuden und die Bierstände. Hier sitzen diejenigen, die schon Feierabend haben. Während die einen mit Holzstäbchen ihre Nudelsuppen in sich hineinschaufeln, stoßen die anderen mit süffigem Bier an.

Auf seiner Parkbank hat Tuong Duong eine Pause eingelegt. Aus einem Behälter, den er mitgebracht hat, gießt er sich grünen Tee ein. Dann widmet er sich wieder seinem Buch. „Ich liebe meine Arbeit“, sagt er lächelnd. Mehr als 50 Bücher hat er übersetzt. Schlager wie „Sakrileg“, aber auch Werke von Camus, Musil und Sartre. „Meistens übersetze ich Bücher von Autoren, die ich sehr liebe“, sagt er. Einer davon ist Günter Grass, dessen „Blechtrommel“ er im Jahr 2000 bearbeitet hat. In Vietnam werden Bücher ausländischer Autoren selten in der Landessprache veröffentlicht, weil es an Übersetzern fehlt. Duongs erfolgreichste Arbeit ist „Vom Winde verweht“, das in einer Millionenauflage gedruckt wurde. „Wir Vietnamesen kennen uns mit Kriegen aus“, erklärt er sich den Erfolg.

Der lange Weg zur Unabhängigkeit, die gewonnenen Kriege gegen die Kolonialmacht Frankreich und gegen die USA spielen eine gewichtige Rolle im Selbstverständnis der Vietnamesen. Auch an Duongs Leben spiegelt sich die Geschichte: Mit 17 Jahren brach er die Schule ab, um für die Unabhängigkeit zu kämpfen. Selbst im Krieg ließ ihn sein Faible für Literatur nicht los. „Wenn wir einen französischen Stützpunkt eingenommen hatten, plünderten wir ihn“, erinnert er sich. „Ich habe die Bücher genommen.“ Während des Kriegs gegen die USA arbeitete er dann als Journalist für die Nordvietnamesen.

Erbeutete Panzer, Düsenjäger und Hubschrauber sind im Hof des Armeemuseums wie Trophäen ausgestellt. Am Eingang verkauft eine Soldatin in schnittiger grüner Uniform die Eintrittskarten. Sie blickt streng und ist doch freundlich. Das passt zum Museum: Im Inneren ist der Kriegsverlauf aus Sicht des kommunistischen Regimes dargestellt. Im Erdgeschoss verkauft eine vietnamesische Kaffeehauskette Getränke – eine exakte Kopie der US-Firma Starbucks.

Eine lange Schlange hat sich vor dem Mausoleum von Ho Chi Minh aufgereiht, der 1945 die Unabhängigkeit des Landes ausgerufen hatte. Die meisten Vietnamesen verehren ihn als kommunistischen Vordenker, als Vater der Nation. Wer seinen Leichnam sehen will, muss sich am Eingang in eine Gruppe einreihen lassen, immer zwei Besucher nebeneinander. Dann geht es im Gänsemarsch zum Gebäude – eine Mischung aus griechischem Tempel und Panzerschrank. Die Aufpasser achten penibel darauf, dass sich die Gruppe respektvoll verhält. Als sich ein junger Chinese zu laut mit seiner Begleiterin unterhält, weist ihn ein Gardesoldat leise, aber ruppig zurecht. Und plötzlich tritt man in eine dunkle Kammer, in der der beleuchtete Leichnam Ho Chi Minhs aufgebahrt ist. Entgegen seinem Wunsch, nach dem Tod eingeäschert zu werden, hat das Regime seine Leiche einbalsamieren lassen.

Für Ausländer hat der Personenkult abstrakte Züge. Ho Chi Minhs Konterfei ist in Hanoi auf vielen Plakaten und Häuserfassaden zu sehen. In TV-Sendungen wird er von jungen Frauen besungen. Doch das Hanoi zur Zeit von Ho Chi Minh hat wenig mit der heutigen Hauptstadt und ihren 6,5 Millionen Einwohnern gemein. Westliche Firmen haben sich angesiedelt. Bürotürme prägen das Stadtbild. Edelboutiquen bieten Luxuswaren an. In Vietnam scheint die Marktwirtschaft die kommunistischen Grundsätze überrollt zu haben. „Die jungen Vietnamesen wollen beruflich erfolgreich sein“, sagt Tuong Duong. Die Vergangenheit und die kommunistischen Ideale, mit der sich ältere Vietnamesen identifizieren, verblassen. „Das ist eine normale Entwicklung“, sagt der 78-Jährige.

Wenn die Nacht früh am Abend einbricht und Hanoi in ein Lichtermeer verwandelt, füllt sich der Park um den Hoan-Kiem-See. Familien sitzen zusammen. Die Alten machen Aerobic, die Jungen schmusen im Halbdunkeln. Etwas abgesondert tanzen Halbstarke Breakdance. Einer von ihnen wirbelt über den Boden, während ein Parkwächter herablassend zuschaut. Die Lichter der Stadt spiegeln sich auf dem Wasser und verschwimmen. Tuong Duong packt seine Sachen. Am nächsten Tag wird er wieder kommen.

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Written by Fabian Schweyher

21. September 2010 at 21:42