Vietnam-Notizen

Ein Schwabmünchner serviert Weizen in Vietnam

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Ho-Chi-Minh-Stadt/Schwabmünchen. Wer die große Glastür öffnet und das Restaurant „Cepage“ in Ho-Chi-Minh-Stadt (dem früheren Saigon) betritt, der lässt die drückende Hitze und den Lärm der Metropole hinter sich. Im Reich des Schwabmünchners Andreas Ertle ist das Licht gedämmt, leise schwebt Musik durch den Raum. Es ist angenehm kühl. Der 40-Jährige mit den kurzen Haaren kommt aus der Küche, setzt sich an die Bar und bestellt ein Weißbier. Ein Stück Heimat in Vietnam.

Seit drei Jahren arbeitet Ertle als Manager und Küchenchef für das Edellokal, das im teuren Geschäftsviertel der Stadt liegt. Kein Zufall. Mit dem „Cepage“ sollen Geschäftsreisende und Ausländer angesprochen werden, die in dem südostasiatischen Land arbeiten. In der schillernden Wirtschaftsmetropole mit ihren sieben Millionen Bewohnern sollen es rund 30 000 Menschen sein. „Früher sind sie zum Essen in die Restaurants der Hotels gegangen, in denen sie gewohnt haben. Es gab ja keine Alternativen“, sagt Ertle.

Beim Blick auf die Speisekarte fallen zuerst die für Vietnam hohen Preisen auf, dann die Gerichte. Entenbrust, Fish and Chips, Risotto, Pasta und Wiener Schnitzel stehen darauf. Zubereitet werden die Gerichte mit wenig Fett – wegen der tropischen Außentemperaturen. Die vietnamesische Küche mit ihren vielen Fleisch-, Reis- und Nudelgerichten bleibt jedoch außen vor. Die Speisekarte ist auf Ausländer zugeschnitten.

Während draußen vor der Glastür die knatternden Motorroller vorbeijagen, hat es sich im Inneren ein Pärchen in den roten Polstersesseln bequem gemacht. Er im Hemd, sie im dunklen Kleid. Sie turteln, lächeln. Auf dem quadratischen Holztischchen vor ihnen stehen zwei Tassen Kaffee. Hinter ihnen erhebt sich eine Regalwand. Die zahlreichen Weinflaschen darin geben dem „Cepage“ – französisch für „Traube“ – seinen Namen. Zwei Männer um die 40 Jahre betreten das Lokal. Kurze Hosen, Poloshirts, zwei Frauen im Schlepptau. Sie unterhalten sich auf Englisch. Als Ertle die Männer sieht, begrüßt er sie auf Deutsch. 80 Prozent seiner Kundschaft kennt er.

Begonnen hat Ertles Karriere als Koch mit der Lehre im Augsburger Hotel „Riegele“. „Die Arbeit hat mir Spaß gemacht. Da war Action“, erinnert er sich. Anschließend kochte er in Frankreich, Österreich, USA, Japan, Russland. Wie Ertle berichtet, waren die Umgangsformen in den Küchen oft ruppig. Eine prägende Erfahrung, die sich nicht mit der feinfühligen vietnamesischen Mentalität verträgt. „Da muss man aufpassen“, sagt er, angesprochen auf seine 30 Angestellten. „Die sind sofort beleidigt.“

In Vietnam habe er gelernt, gelassen zu bleiben. So lagert etwa der Plan, zusätzlich eine Cocktailbar zu eröffnen, vorerst in der Schublade. Als er es noch eilig damit hatte, war das Vorhaben im letzten Moment geplatzt: Ein passendes Gebäude war gefunden, die Absprachen getroffen. Doch der Mietvertrag wich laut Ertle davon erheblich ab. „In Vietnam brauchst du Geduld.“ Seine Erfahrung: Pläne lassen sich nicht schnell umsetzen.

Wenige Wochen ist es her, dass der 40-Jährige seine Eltern in Schwabmünchen besucht hat. Selten führt ihn sein Weg nach Deutschland. Andreas Ertle: „Wenn ich ein paar Tage freihabe, dann fliege ich nach Singapur, Hongkong, Manila. Das liegt ja alles um die Ecke.“ Und in Japan könne er ja auch Ski fahren.

Auch langfristig zieht es ihn nicht zurück. „Mit Europa bin ich durch“, sagt er. In Vietnam sei es einfacher, ein Geschäft zu betreiben und wegen der niedrigen Löhne der Angestellten auch wirtschaftlich lukrativer. Deswegen ist die Arbeit nicht weniger. Rund 15 Stunden verbringt er jeden Tag in der Gaststätte. Erst spät in der Nacht öffnet Ertle dann die gläserne Eingangstür, schließt hinter sich das „Cepage“ zu und tritt hinaus auf die Straßen von Ho-Chi-Minh-Stadt, hinaus in die Hitze der Nacht.

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Andreas Ertle führt in Ho-Chi-Minh-Stadt das Restaurant "Cepage".

Andreas Ertle führt seit drei Jahren in Ho-Chi-Minh-Stadt das Restaurant "Cepage".

Eine große Weinauswahl gibt dem "Cepage" - französisch für "Traube" - seinen Namen.

Eine große Weinauswahl gibt dem "Cepage" - französisch für "Traube" - seinen Namen.

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Written by Fabian Schweyher

21. August 2010 at 07:34

Nähen für 80 Euro im Monat

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Ho-Chi-Minh-Stadt. Die Selbstmordserie in einer chinesischen Fabrik machte Schlagzeilen: Seit Anfang des Jahres haben sich zehn Angestellte des Elektroriesen Foxconn das Leben genommen. Die Arbeiter warfen dem Unternehmen, das für Apple das iPhone herstellt, unerträgliche Arbeitsbedingungen und zu geringe Löhne vor. Apple ist nur eines von vielen westlichen Unternehmen, das wegen der niedrigen Arbeitskosten in Asien produzieren lässt. Mit den Konditionen dort konnte die deutsche Textilindustrie auf Dauer nicht mithalten. Auch die einstige Textilhochburg Augsburg verlor in den vergangenen Jahrzehnten Zehntausende Arbeitsplätze an die Billiglohnkonkurrenz. Viele Aufträge gehen heute nach Vietnam, das sich zu einem der größten Exporteure von Kleidungsstücken entwickelt hat.

Ortstermin nahe Ho-Chi-Minh-Stadt: Für Mai Ngoc Nguyen läuft die Stoppuhr. Sie steht vor einem kurzen Metallrohr, das an einer Stange befestigt ist. Darunter liegt ein Holzkasten mit 50 Glaskugeln. Schnell schnappt sich Mai eine Murmel mit der rechten Hand, lässt sie durch das Rohr in die wartende linke Hand fallen. Mit ihr wandert sie wieder flink in den Holzrahmen, während die rechte Hand nach der nächsten Kugel greift. Die 29-Jährige ist schnell, doch nicht schnell genug. Erst wenn sie alle Kugeln in weniger als 44 Sekunden schafft, darf sie mit der nächsten Übung weitermachen. „Es dauert zwei Tage, bis die Auszubildenden ihre Fingerfertigkeit so weit verbessert haben“, sagt Ausbildungsleiter Hien Khac Pham vom vietnamesischen Kleidungshersteller Protrade Garment.

Das Staatsunternehmen mit Sitz nahe Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon) ist eigenen Angaben zufolge einer der größten Bekleidungsproduzenten des Landes. Jeden Monat stellen 2800 Arbeiter knapp eine Million Hemden und Hosen her. Zu den Kunden zählen bekannte Firmen wie H&M. Auch der deutsche Hersteller Olymp lässt dort Hemden produzieren – rund 1,2 Millionen allein in diesem Jahr.

Neonröhren tauchen die Werkhalle, in der 600 Arbeiter an Tischen sitzen, in helles Licht. Nähmaschinen rattern zwischen Händen, die fliegend schnell Hemden zusammennähen. Was um die Arbeiter herum geschieht, scheinen sie nicht wahrzunehmen. Nach Angaben von Protrade Garment werden sie neben einem Grundgehalt nach Stückzahlen bezahlt. Wer schneller arbeitet, verdient mehr. Ein Arbeiter erhält so zwischen 90 und 120 Euro im Monat – gearbeitet wird 48 Stunden in der Woche.

Durchschnittlich zahlen die Hersteller nach Angaben des vietnamesischen Textil- und Bekleidungsverbands Vitas nur 80 bis 90 Euro monatlich. Vielen Unternehmen fällt es schwer, ihre Arbeiter zu halten. „Die Gehälter steigen nicht so schnell wie die Lebenshaltungskosten“, sagt Vitas-Funktionär Hung Gia Pham. „Die Menschen können von dem Geld nicht leben.“

Der Wirtschaftszweig steht vor einem strukturellen Problem. Zwar lieferte Vietnam 2008 Kleidungsstücke im Wert von neun Milliarden US-Dollar ins Ausland und war damit laut Welthandelsorganisation der siebtgrößte Exporteur weltweit. Allerdings basiert der Erfolg allein auf den günstigen und geschickten Arbeitskräften, die viele Firmen nach Vietnam locken.

Doch niedrige Arbeitskosten bieten auch andere asiatische Länder. Und es geht noch billiger: So liegt in Bangladesch der gesetzliche Mindestlohn für Textilarbeiter bei 20 Euro. Damit vietnamesische Firmen keine Aufträge an die Konkurrenz verlieren, ist für Verbandsmann Pham klar: „Das Einkommen der Arbeiter kann nicht steigen, ansonsten sterben die Unternehmen.“ Der einzige Ausweg: Mehr Ware in kürzerer Zeit herstellen. Neue Mitarbeiter werden bei Protrade Garment deswegen für eineinhalb Monate zur Ausbildung geschickt, damit sie ihre Fingerfertigkeit verbessern. Gleichzeitig werden mehr Maschinen eingesetzt. Doch Geschäftsführer Phoa Hong Le macht sich keine Illusionen: „Der Druck wird weiterhin groß sein, die Kosten und Gehälter zu senken.“ Angst vor der Zukunft habe er dennoch nicht. „Der Preis ist nicht alles“, sagt er und will Billigkonkurrenten mit höherwertiger Ware auf Distanz halten.

Ein neuer Absatzmarkt könnte vor der eigenen Haustür entstehen. Nach Vitas-Angaben gibt ein Vietnamese durchschnittlich 25 Euro jährlich für Kleidung aus – Tendenz steigend. Zum einen, weil die 86 Millionen Vietnamesen wegen der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung des Landes vermutlich in der Zukunft mehr Geld in den Taschen haben werden. Zum anderen, weil immer mehr junge Menschen moderne Kleidung tragen wollen.

Protrade Garment hat deswegen eine Firma gegründet, die trendige Kleidung und eigene Modemarken herstellt. „In fünf Jahren wird sich Vietnam zu einem wichtigen Markt entwickelt haben“, schätzt Le und verweist auf China. Dort lehnen die Hersteller inzwischen immer öfter Aufträge westlicher Firmen ab, weil sie dank der großen Nachfrage für den eigenen Markt produzieren.

Für den Fall, dass westliche Firmen eines Tages doch in Länder mit günstigeren Arbeitskräften abwandern sollten, hat Protrade Garment 2004 in Kambodscha eine eigene Billigalternative aufgebaut. Die ist wegen der Wirtschaftskrise zurzeit stillgelegt, doch der Standort an der Grenze zu Vietnam bleibt Teil der Firmenstrategie. „Wenn die Kunden Vietnam verlassen sollten, können wir schnell die Produktion verlagern“, sagt Geschäftsführer Phoa Hang Le. Der Lohn eines Textilarbeiters in Kambodscha beträgt durchschnittlich rund 40 Euro.

Seit einer halben Stunde ist Mai Ngoc Nguyen damit beschäftigt, die Glaskugeln möglichst schnell durch das Metallrohr zu befördern. 55 Euro zahlt ihr Protrade Garment während der Ausbildung monatlich. Danach wird die Schulabbrecherin aber immerhin mehr Geld verdienen als bei dem Elektronikunternehmen, für das sie zuvor als Aushilfe gearbeitet hat.

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In dieser Halle werden Hemden hergestellt.

In dieser Halle werden Hemden hergestellt.

Die Arbeiter werden nach Stückzahl entlohnt.

Die Arbeiter werden nach Stückzahl entlohnt.

Diese Übung soll die Fingerfertigkeit verbessern.

Diese Übung soll die Fingerfertigkeit verbessern.

Written by Fabian Schweyher

29. Juli 2010 at 10:42

Veröffentlicht in Journalistische Texte

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Knallhart nachgefragt in der Holzklasse

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Die Ventilatoren an der Decke ziehen ihre Kreise. Der Fahrtwind schießt durch die geöffneten Fenster in den Zugwagen und lindert doch nicht die Hitze. 40 Grad im Schatten. Wie jeden Tag. Schweißperlen rollen an meinen Schläfen hinunter, fließen in den Rahmen der Brille. Auch am Rücken ziehen sie ihre Bahnen. Dunkle Flecken auf dem hellen Hemd. Mein Körper arbeitet. Ich hasse das Schweißbad. Umso mehr verwundert mich der Anblick der Vietnamesen auf den Holzbänken. Normalerweise jammern sie über die hohen Temperaturen, im ständigen Widerspruch zu ihrer makellosen Erscheinung. Jetzt bedeckt eine Schweißschicht viele der erschöpften Gesichter. Es muss wirklich heiß sein.

Es sind rund 100 Kilometer von Ninh Binh bis zur Hauptstadt Hanoi. Knapp drei Stunden Fahrt. Viele Studenten sitzen in den Wägen, die auf dem Weg nach Hause sind. Vor wenigen Tagen haben die Semesterferien begonnen. Kurz vor jedem Halt schreien die Schaffner den Namen der Station durch den Zug. Natürlich verstehe ich kein Wort.

Ich bin der einzige Ausländer in der Holzklasse. Mir gegenüber sitzt eine ältere Frau. Sie mustert mich neugierig. Mit meinem kläglichen Vietnamesisch und ihrem kläglichen Englisch werfen wir uns Satzfragmente zu. Auch dieses Mal bekomme ich die für Vietnamesen scheinbar wichtigste aller Fragen gestellt: „Are you married?“. Und gleich hinterher: „Where is your girlfriend?“ Dazu muss man wissen: Für Vietnamesen ist die Familie die wichtigste Institution im Leben – von Anfang bis Ende. Sie ist das Element, das Halt und Glück verspricht. Viele Vietnamesen stellen ihre Wünsche und Bedürfnisse hinter das Glück in der Familie. So überrascht es mich nicht, dass die Frau zum Schluss wissen will: „Are you happy?“. Nach meinem Ja lehnt sie sich beruhigt zurück.

Noch zehn Kilometer bis zum Bahnhof von Hanoi. Die Häuserschluchten rücken näher, immer näher – bis es nicht mehr enger geht. In zwei Metern Abstand ziehen nun an beiden Seiten die Häuser vorbei. Der Spalt ist so eng, dass kein Sonnenstrahl das Innere des Zuges erreicht. Der Blick aus dem Zugfenster ist wie ein Logenplatz im Kino: In den Hauseingängen sitzen die Bewohner Hanois, schauen Fernsehen, schlafen. Andere schrauben an Motorrollern, kochen oder lesen mit nacktem Oberkörper Zeitung. Dem Zug schenken sie keine Beachtung.

Diese Menschen leben ganz nah an dem Zuggleis.

Hier fahren mehrmals am Tag Züge durch.

Zwischen Häusern und Zugstrecke ist wenig Platz.

Zwischen Häusern und Strecke ist wenig Platz.

In kurzen Abständen kreuzen Straßen das Gleis.

In kurzen Abständen kreuzen Straßen das Gleis.

Written by Fabian Schweyher

16. Juli 2010 at 05:53

Knietief im Wasser

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Mitte Juli wurde Hanoi nach stundenlangen Regenfällen teilweise überschwemmt. Dabei starben drei Menschen. Während in der Innenstadt der Verkehr zusammenbrach, saß ich in einem Taxi …

Der Fahrer schaut fassungslos auf den kleinen See, der sich vor ihm ausbreitet. Der Weg ist versperrt. Es regnet seit Stunden. Die Innenstadt von Hanoi hat sich in einer Wasserwelt verwandelt. Wo vorher Straßenasphalt war, steht nun das Wasser kniehoch.

Der Fahrer wendet das Taxi, nimmt eine andere Route. Wenig später treffen wir erneut auf einen Straßenabschnitt, der nicht passierbar ist. Es ist wie eine Fahrt durch ein Labyrinth. Wo ist der Ausgang?

Vor einer Kreuzung kommen wir abermals zum Stehen. Auch dort scheint das Wasser zu tief zu sein. Die mutigen Motorbikefahrer fahren lässig hindurch – die Beine akrobatisch in die Höhe gereckt. Das Wasser reicht ihnen bis knapp unter den Sitz. Die Mehrheit fährt dagegen ganz langsam. Viele schieben.

Mein Fahrer schaut auf das Wasser, als ob er auf eine Eingebung warten würde. Vermutlich fürchtet er sich vor Schlaglöchern oder dass der Auspuff unter die Wasserdecke gerät – das sichere Aus für unsere Fahrt. Als ein Auto an uns vorbei und durch den künstlichen See rollt, erwacht sein Mut. Wir fahren langsam hinterher, genau auf derselben Spur unseres Vorgängers. Das wuchtige Fahrzeug vor uns löst eine Welle aus, die gegen eine Hausmauer rollt und sich dort mit einem klatschenden Geräusch bricht.

Zum Glück stehen dort keine Menschen. Wenige Meter weiter stehen sie dicht gedrängt in den Hauseingängen und verfolgen das Geschehen. Das Wasser reicht ihnen bis knapp unter die Badelatschen. Sie haben Glück. In Vietnam liegen Erdgeschosse häufig etwas erhöht und sind über zwei, drei Stufen zu erreichen. Die ansonsten so quirlige Stadt ist kurzzeitig zur Ruhe gekommen.

Ein Bild von den Überschwemmungen hier zu sehen.

Written by Fabian Schweyher

13. Juli 2010 at 09:42

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Dong Hoi: Schiffe im Hafen

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Dong Hoi ist eine nette Stadt. Am Meer gelegen. Unaufgeregt. Der Ort ist nur den Ausländern ein Begriff, die die Stadt als Basis für einen Besuch in der 30 Kilometer entfernten Phong Nha Höhle nutzen. Bei einem Spaziergang durch Dong Hoi sind mir mehrere Schiffe aufgefallen. Ich habe sie gefilmt – unspektakuläre Bilder und trotzdem mag ich die Sequenz.

Written by Fabian Schweyher

12. Juli 2010 at 14:44

Veröffentlicht in Beobachtungen

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In der Dunkelheit

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Die ansonsten obligatorische Unterhaltung bleibt aus. Keine Fragen nach meinem Namen, meinem Herkunftsland und zur deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Der Motorbikefahrer spricht kein Englisch. Seit unserer Abfahrt in Dong Hoi sitzt er stumm vor mir. Wir brausen durch die Landschaft in der sengenden Hitze. Das Ziel: Die Phong-Nha-Höhle, gelegen im Nationalpark Phong Nha-Ke Bang – ein Weltnaturerbe der Unesco.

Nach knapp einer Stunde erreichen wir das Dorf Son Trach. Von dort starten die Boote. Nur mit ihnen ist die Wasserhöhle zu besichtigen. Besucher müssen ein kleines Schiff inklusive Zwei-Mann-Besatzung mieten. Das kostet umgerechnet acht Euro. Für viele Vietnamesen weit mehr als ein Tageseinkommen. Und so versucht mein Fahrer, mich ungefragt bei einer Reisegruppe unterzubringen, um die Kosten zu teilen. Abgestellt wie ein Auto stehe ich neben ihm, während er Passanten anspricht. Nach fünf Minuten bin ich an vier junge Vietnamesen vermittelt. Sie sind zwischen 25 und 30 Jahre alt und freuen sich offensichtlich, dass sie ab sofort einen Exoten in ihrem Boot haben.

Die Fahrt zum Eingang der Höhle beginnt. Ich verhalte mich so, wie man sich in Deutschland eben gegenüber Fremden verhält: Ich bin freundlich, halte jedoch Distanz. Meine vietnamesischen Mitfahrer kennen die nicht. Für sie bin ich Teil der Gruppe. So bekomme ich während der Fahrt plötzlich Früchte gereicht, deren Namen und Aussehen mir fremd sind. Nachdem ich in ein geschältes Etwas beiße, das an eine Orange erinnert, höre ich Gekicher. Mein Gegenüber zeigt mir schließlich, dass ich das Fruchtfleisch mit den Fingern aus der Frucht fischen muss.

Ich fühle mich wohl, auch wenn ich meine Begleiter nicht verstehe. Nur eine der beiden Frauen spricht Englisch. Die drei anderen Vietnamesen stellen ihr viele Fragen, die sie übersetzt. Meine Antworten gehen den gleichen Weg zurück.

Nach 20 Minuten erreichen wir die Phong-Nha-Höhle. Ich beobachte, wie der Schlund in der Felswand die kleinen Schiffe verschlingt. Für uns ist es noch nicht so weit. Wir verlassen das Boot und steigen zur Tien-Son-Höhle hinauf, deren Eingang versetzt in dem Steinhügel liegt. Die 330 Stufen sind eine Qual bei 40 Grad Celsius im Schatten. Meine vietnamesischen Mitstreiter teilen mit mir Wasser, Tee und Red Bull.

Schließlich stehen wir vor dem Höhleneingang, der 1935 erstmals entdeckt wurde. Von den Bombenangriffen der US-Kampfflugzeuge im Vietnamkrieg ist auf den ersten Blick nichts zu sehen. Die Nordvietnamesen hatten damals in der Höhle ein Hospital eingerichtet und Munition gelagert.

Wir steigen die Stufen in die Tiefe hinab. Dunkelheit, immer wieder unterbrochen von kleinen Scheinwerfern. Große Hallen, deren Abmessungen sich in der Dunkelheit nur erahnen lassen. Bizarre Felsformationen. Stalagmiten und Stalaktiten.

Meine Begleiter lassen keine Gelegenheit aus, um sich in der Tien-Son-Höhle ablichten zu lassen. Schnell stellen sie sich vor den gewünschten Hintergrund, setzen in der Höhle die Sonnenbrille auf und posieren mit einem breiten Grinsen. Dazu das V-Zeichen, was in Vietnam so viel wie „Hallo“ bedeutet. Eine Pose, in der sich viele junge Vietnamesen im ganzen Land fotografieren lassen.

Eine Stunde später sitzen wir wieder im Boot. Dieses Mal fahren wir in die Phong-Nha-Höhle, in die ewige Nacht. Hier und da sind einzelne Steinformationen beleuchtet. Die sind nicht imposant, dafür wird so die Weite des Raums offensichtlich. Das Wasser gluckst bei den Ruderbewegungen der beiden Schiffer, die in der Höhle den Dieselmotor abschalten mussten. Menschenstimmen hallen verschwommen in der Entfernung. Die anderen Boote können nicht weit sein. Die Fahrt endet nach rund einem Kilometer an einer Anlegestelle. Von dort geht es zu Fuß rund 500 Meter weiter durch einen schlauchartigen Gang – bis die Besichtigung an einer Holzabsperrung endet. Laut einer britischen Expedition, die die Höhle 1990 zum ersten Mal kartographiert hat, sollen ihre Gänge 55 Kilometer weit reichen.

Phong-Nha und Tien-Son sind nicht die einzigen imposanten Unterwelten in dem Nationalpark. Immer wieder werden dort Höhlen entdeckt, beispielsweise im Jahr 2009 die angeblich größte Höhle der Welt.

Der Fluss kurz vor der Höhle.

Der Fluss kurz vor der Höhle.

Dort halten die Schiffe zunächst.

Dort halten die Schiffe zunächst.

Eingang zur Phong-Nha-Höhle

Eingang zur Phong-Nha-Höhle

Räucherstäbchen vor der Tien-Son-Höhle

Räucherstäbchen vor der Tien-Son-Höhle

Abstieg in die Dunkelheit

Abstieg in die Dunkelheit

Scheinwerfer geben der Höhle ihre Farben.

Scheinwerfer geben der Höhle künstliche Farben.

Abstrakte Gesteinsformationen

Abstrakte Gesteinsformationen

Written by Fabian Schweyher

11. Juli 2010 at 09:56

Die WG im Zug

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Es kommt wie befürchtet. Um 5.30 Uhr ist die Nacht für mich vorbei. Meine fünf Mitfahrer im Zugabteil sind wach. Lautstark quasseln die Erwachsenen beim Frühstück, während die Kinder durch den Zug toben. Die Sonne strahlt mir durch das Fenster in die Augen. Ich richte mich auf, schaue nach unten. Die Frau im linken Stockbett lacht mir ins Gesicht.

Vor zehn Stunden hat die Fahrt in Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon) in Richtung Hanoi begonnen. Elf weitere Stunden in dieser rumpelnden metallenen Schlange liegen vor mir, bis ich nach insgesamt 1000 Kilometern in Hue aussteigen werde.

Der Zug fährt heutzutage immer noch auf der Strecke, die 1936 eröffnet wurde. Einspurig. An der Küstenlinie Vietnams entlang verbindet der sogenannte „Wiedervereinigungsexpress“ die beiden Metropolen des Landes. Im Vietnamkrieg wurde die Trasse immer wieder zerstört. Erst nach dem Sieg der Nordvietnamesen über Südvietnam war nicht nur die Teilung des Landes vorbei, auch die Züge rollten wieder.

Ich reise komfortabel im Vier-Bett-Abteil der Kategorie „Soft Sleeper“. Ein Bett besteht aus einer Pritsche, die an zwei Eisenketten hängt und auf der eine dünne, aber angenehme Matratze liegt. Darauf ein frisches Leinentuch. Kopfkissen und Decke tragen dagegen Schweiß und Geruch der Vorgänger. Neben dieser Oberklasse gibt es die „Hard Sleeper“-Betten in Sechs-Mann-Abteilen sowie Sitzwägen.

Letztendlich hausen wir zu sechst in dem Vier-Bett-Abteil. Die Frau im Bett unter mir hat ihre beiden Kinder mitgebracht – ohne für sie Fahrscheine zu lösen. Die junge Zugschaffnerin in der schnittigen blauen Uniform und mit den schulterlangen schwarzen Haaren ist erbost. Immer wieder stürmt sie verärgert das Abteil, um nach kurzer Diskussion genauso verärgert wieder zu verschwinden.

Mein Bettnachbar heißt Duc, was so viel heißt wie „der Deutsche“. 16 Jahre ist er alt. Die vergangenen drei Jahre hat er in der Schule Englisch gelernt. So unterhalten wir uns ein wenig. Wie immer mit Hilfe eines Schreibblocks und eines Kugelschreibers. Wie viele Jugendliche in seinem Alter ist er neugierig und beobachtet genau, womit ich mich während der Fahrt beschäftige. Wie viele Vietnamesen kennt er sich mit Fußball in Deutschland aus. Wie viele Vietnamesen ist er höflich. So entschuldigt er sich zu meiner Überraschung, als ich ihm sage, dass ich seine Zuneigung für den FC Bayern München nicht teile.

Der Zug erreicht Danang, die drittgrößte Stadt gelegen in der Mitte des Landes. Im Vietnamkrieg waren hier 1965 die ersten US-Soldaten in voller Kampfmontur an Land gegangen. Empfangen wurden sie nicht von Maschinengewehrfeuer, sondern angeblich von winkenden Schulmädchen in langen traditionellen Gewändern.

Von Danang sind es noch 100 Kilometer bis Hue. Dazwischen liegen die Truong-Sen-Berge. Eine natürliche Grenze zwischen Nord- und Südvietnam. Um sie zu überwinden, mussten Autos und LKWs bis 2005 den sogenannten „Wolkenpass“ nehmen. Eine gefährliche und spektakuläre Strecke. Inzwischen rollt der Straßenverkehr durch einen Tunnel, während der Zug seiner alten Route folgt. Sie schlängelt sich entlang der Berghänge, immer in der Nähe der Küstenlinie. Weit unterhalb des Zuges rauschen die Wellen an die unberührten Sandstrände, während der Zug an Palmen und dichtem Gestrüpp vorbeifährt, immer wieder unterbrochen von Tunneln. Dabei ist er vor allem eines: langsam. Das heftige Gefälle können selbst Ungeschulte sehen.

Nach 21 Stunden endet meine Fahrt. Hue ist erreicht. Ich steige aus und bahne mir den Weg an den zahlreichen Händlern vorbei, die ihre Waren verkaufen wollen. Hinter mir kommt der Zug wieder ins Rollen. Es sind noch 700 Kilometer bis Hanoi. In 13 Stunden wird auch er sein Ziel erreicht haben.

Durch dichte Vegetation fährt der Zug.

Zwischen Danang und Hue: dichte Vegetation.

Blick aufs Meer

Blick aufs Meer

An der Küstenlinie entlang.

An der Küstenlinie entlang.

Written by Fabian Schweyher

6. Juli 2010 at 09:05