Vietnam-Notizen

In der Dunkelheit

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Die ansonsten obligatorische Unterhaltung bleibt aus. Keine Fragen nach meinem Namen, meinem Herkunftsland und zur deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Der Motorbikefahrer spricht kein Englisch. Seit unserer Abfahrt in Dong Hoi sitzt er stumm vor mir. Wir brausen durch die Landschaft in der sengenden Hitze. Das Ziel: Die Phong-Nha-Höhle, gelegen im Nationalpark Phong Nha-Ke Bang – ein Weltnaturerbe der Unesco.

Nach knapp einer Stunde erreichen wir das Dorf Son Trach. Von dort starten die Boote. Nur mit ihnen ist die Wasserhöhle zu besichtigen. Besucher müssen ein kleines Schiff inklusive Zwei-Mann-Besatzung mieten. Das kostet umgerechnet acht Euro. Für viele Vietnamesen weit mehr als ein Tageseinkommen. Und so versucht mein Fahrer, mich ungefragt bei einer Reisegruppe unterzubringen, um die Kosten zu teilen. Abgestellt wie ein Auto stehe ich neben ihm, während er Passanten anspricht. Nach fünf Minuten bin ich an vier junge Vietnamesen vermittelt. Sie sind zwischen 25 und 30 Jahre alt und freuen sich offensichtlich, dass sie ab sofort einen Exoten in ihrem Boot haben.

Die Fahrt zum Eingang der Höhle beginnt. Ich verhalte mich so, wie man sich in Deutschland eben gegenüber Fremden verhält: Ich bin freundlich, halte jedoch Distanz. Meine vietnamesischen Mitfahrer kennen die nicht. Für sie bin ich Teil der Gruppe. So bekomme ich während der Fahrt plötzlich Früchte gereicht, deren Namen und Aussehen mir fremd sind. Nachdem ich in ein geschältes Etwas beiße, das an eine Orange erinnert, höre ich Gekicher. Mein Gegenüber zeigt mir schließlich, dass ich das Fruchtfleisch mit den Fingern aus der Frucht fischen muss.

Ich fühle mich wohl, auch wenn ich meine Begleiter nicht verstehe. Nur eine der beiden Frauen spricht Englisch. Die drei anderen Vietnamesen stellen ihr viele Fragen, die sie übersetzt. Meine Antworten gehen den gleichen Weg zurück.

Nach 20 Minuten erreichen wir die Phong-Nha-Höhle. Ich beobachte, wie der Schlund in der Felswand die kleinen Schiffe verschlingt. Für uns ist es noch nicht so weit. Wir verlassen das Boot und steigen zur Tien-Son-Höhle hinauf, deren Eingang versetzt in dem Steinhügel liegt. Die 330 Stufen sind eine Qual bei 40 Grad Celsius im Schatten. Meine vietnamesischen Mitstreiter teilen mit mir Wasser, Tee und Red Bull.

Schließlich stehen wir vor dem Höhleneingang, der 1935 erstmals entdeckt wurde. Von den Bombenangriffen der US-Kampfflugzeuge im Vietnamkrieg ist auf den ersten Blick nichts zu sehen. Die Nordvietnamesen hatten damals in der Höhle ein Hospital eingerichtet und Munition gelagert.

Wir steigen die Stufen in die Tiefe hinab. Dunkelheit, immer wieder unterbrochen von kleinen Scheinwerfern. Große Hallen, deren Abmessungen sich in der Dunkelheit nur erahnen lassen. Bizarre Felsformationen. Stalagmiten und Stalaktiten.

Meine Begleiter lassen keine Gelegenheit aus, um sich in der Tien-Son-Höhle ablichten zu lassen. Schnell stellen sie sich vor den gewünschten Hintergrund, setzen in der Höhle die Sonnenbrille auf und posieren mit einem breiten Grinsen. Dazu das V-Zeichen, was in Vietnam so viel wie „Hallo“ bedeutet. Eine Pose, in der sich viele junge Vietnamesen im ganzen Land fotografieren lassen.

Eine Stunde später sitzen wir wieder im Boot. Dieses Mal fahren wir in die Phong-Nha-Höhle, in die ewige Nacht. Hier und da sind einzelne Steinformationen beleuchtet. Die sind nicht imposant, dafür wird so die Weite des Raums offensichtlich. Das Wasser gluckst bei den Ruderbewegungen der beiden Schiffer, die in der Höhle den Dieselmotor abschalten mussten. Menschenstimmen hallen verschwommen in der Entfernung. Die anderen Boote können nicht weit sein. Die Fahrt endet nach rund einem Kilometer an einer Anlegestelle. Von dort geht es zu Fuß rund 500 Meter weiter durch einen schlauchartigen Gang – bis die Besichtigung an einer Holzabsperrung endet. Laut einer britischen Expedition, die die Höhle 1990 zum ersten Mal kartographiert hat, sollen ihre Gänge 55 Kilometer weit reichen.

Phong-Nha und Tien-Son sind nicht die einzigen imposanten Unterwelten in dem Nationalpark. Immer wieder werden dort Höhlen entdeckt, beispielsweise im Jahr 2009 die angeblich größte Höhle der Welt.

Der Fluss kurz vor der Höhle.

Der Fluss kurz vor der Höhle.

Dort halten die Schiffe zunächst.

Dort halten die Schiffe zunächst.

Eingang zur Phong-Nha-Höhle

Eingang zur Phong-Nha-Höhle

Räucherstäbchen vor der Tien-Son-Höhle

Räucherstäbchen vor der Tien-Son-Höhle

Abstieg in die Dunkelheit

Abstieg in die Dunkelheit

Scheinwerfer geben der Höhle ihre Farben.

Scheinwerfer geben der Höhle künstliche Farben.

Abstrakte Gesteinsformationen

Abstrakte Gesteinsformationen

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Written by Fabian Schweyher

11. Juli 2010 um 09:56

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