Vietnam-Notizen

Zwei Leben in vier Wänden

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Als Minh und ich in der Dunkelheit mit dem Motorroller ankommen, habe ich die Orientierung längst verloren. Sie hat mich zu sich zum Abendessen eingeladen. Irgendwo in der Sieben-Millionen-Metropole Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon). Irgendwo, wo die Straßen nur noch aus gepresstem Staub bestehen. Irgendwo, wo dumpfes Neonlicht aus vereinzelt beleuchteten Fenstern dringt.

Absteigen. Vor der Eingangstür die Schuhe zurücklassen. Ich betrete einen rund zwölf Quadratmeter großen Raum im Erdgeschoss. Minhs kleines Reich. Ihre Wohnung. Darin haust sie zusammen mit ihrer Mitbewohnerin Gai.

Gefliester Boden. Eine Neonröhre an der Decke. Vergittertes Fenster. In einer Ecke der Wohnung eingezogen ein kurzes Stück Wand aus roten Ziegelsteinen, ein weißer Plastikvorhang hängt an der offenen Seite. Darin Dusche, Bad, Abwasch und ein Teil der Küche. In der Wohnung steht ein schmaler Kleiderschrank aus dunkelbraunem Holz. An der Seite festgeschraubt eine Kleiderstange, auf der dicht gedrängt Blusen hängen. Kein Bett ist zu sehen, dafür Bambusmatten, die an einer Wand lehnen.

Minh schaltet den Kocher für den Reis an, um anschließend Gemüse und Tofu zuzubereiten. Es geht erstaunlich schnell. Nach wenigen Minuten sind die Zutaten fertig, die sie jeweils in eine kleine Schale befördert. Miteinander kombiniert ergeben die kleinen Portionen ein reichhaltiges Essen.

Unser Tisch ist der Boden. Gai amüsiert sich, wie ich die Essstäbchen ungelenk zwischen meine Finger klemme. Derweil zeigt Minh mit ihren Hölzern immer wieder auf die besten Häppchen und wenn ich nicht schnell genug bin, legt sie mir Gemüse und Tofu flink in meine Schale. Wonach sie die Stücke auswählt, erschließt sich mir nicht. Vielleicht geht es darum, dass die Schale ihres Gastes nie leer sein soll.

Da ist sie wieder: die Sprachbarriere. Ich ärgere mich. Ich könnte von den beiden Frauen so viel über ihr Leben und ihre Kultur erfahren. Doch ich verstehe sie kaum. Gai kann kein Englisch, Minh etwas. Doch ihre verbogene Aussprache gleicht das aus. Wenn ich die Wörter nicht erfasse, schreibt sie sie auf einen kleinen Block, macht Zeichnungen oder malt Gebilde mit ihrem Zeigefinger in die Luft.

Wir verstehen uns auch ohne große Worte. Deswegen stört es mich nicht, dass Minh sich manchmal mit Gai auf Vietnamesisch unterhält. Natürlich über mich. Das verrät die Körpersprache. Ich beobachte – und denke zugleich nicht darüber nach.

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Written by Fabian Schweyher

21. Juni 2010 um 09:01

Veröffentlicht in Beobachtungen, Land und Bevölkerung

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