Vietnam-Notizen

Durch die Nacht

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Meine Finger klammern sich um die Haltestange des Motorroller. Thanh flitzt mit mir durch die Nacht, durch die Straßen von Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon). Die kleine Vietnamesin mit ihrem zierlichen Körper gibt am Steuer eine erhabene Erscheinung ab. Ich mit meinen 90 Kilogramm Gewicht den Kontrast.

Wir sind umgeben von einem Schwarm aus Mopeds, der scheinbar alles durchfließt, was sich ihm in den Weg stellt. Geisterfahrer. Autos. Fußgänger. Engstellen.

Rückleuten glimmen vor uns tiefrot in der Nacht. Einige kommen unangenehm nah, um wieder nach vorne zu preschen oder in Seitenstraßen zu verschwinden. Dazwischen das gelbe Leuchten der Seitenblinker und das klamme Licht der Neonröhren, die über den Hauseingängen hängen. Ich versuche das Spiel der Farben ungefiltert wie ein Kind auf mich wirken zu lassen.

Das ständige Hupen fällt mir schon nicht mehr auf, als von hinten ein Motorroller heran jagt. Der Fahrer versucht sich in eine Lücke zu pressen. Ich sehe Thanh und mich bereits auf die Straße geworfen, doch nichts passiert. Jeder Fahrer hat etwas nachgegeben. Ich komme ins Grübeln: Unterwerfen sich die Fahrer einer Schwarmintelligenz?

Ich verwerfe den abstrusen Gedanken angesichts 12.000 Verkehrstoter im vergangenen Jahr. In Deutschland waren es knapp 4200 bei ungefähr gleicher Bevölkerungszahl. Stattdessen stechen mir mehrere Autos ins Auge, die unser Schwarm gerade geschmeidig umfließt. Es sind SUVs asiatischer Hersteller, aber auch ein deutscher Luxusschlitten. Vor fünf Jahren waren Autos in Ho-Chi-Minh-Stadt kaum zu sehen. Jetzt rollen deutlich mehr Wagen auf den Straßen, auch wenn es wenige sind. Noch immer lässt sich der Wohlstand eines Vietnamesen anhand seines Mopeds messen. Die schnelle wirtschaftliche Aufholjagd des Landes ermöglicht nun offenbar den wenigen Wohlhabenden, sich ein Auto leisten zu können.

Wir flitzen weiter über den Asphalt, vorbei an der Parkanlage an der Le Lai Straße. Im Halbdunkeln hat es sich die Jugend auf ihren abgestellten Motobikes bequem gemacht. Moped neben Moped. Pärchen neben Pärchen. Im Schein der Straßenlampen sitzen sie brav nebeneinander und halten Händchen. Keine weiteren Zärtlichkeiten, keine Küsse. Das würde nur schiefe Blicke im konfuzianisch geprägten Vietnam nach sich ziehen. Die Mehrheit der Jugendlichen beugt sich, so wie sich ihre Eltern im Alltag keine Blöße geben.

Thanh gibt Gas. Wir springen vor und lassen mehrere Zweiräder hinter uns. Ein alter Mann, zwei Jugendliche, eine Mutter mit ihren drei Kindern. Schneller als unsere Maschine ist gerade nur die eines Manns, der zwischen seinen Beinen ein quadratisches Metallgitter eingezwängt hat. Darin streckt sich eine junge, dürre Katze mit blondem Fell an den Gitterstäben. Vielleicht bringt der Fahrer das Tier nur von einem Flecken zum anderen. Allerdings verschwinden Katzen in Vietnam manchmal auch in Kochtöpfen.

Apropos: Im Fahrtwind ist der ansonsten so omnipräsente Geruch von gebratenem Fleisch aus meinen Nasenhöhlen verschwunden. Genauso allgegenwärtig sind die zahllosen Imbissstände an den Straßenrändern, die den Geruch ausstoßen. Zu erkennen sind sie meistens an einer Glasvitrine, auf der der Name der angebotenen Speisen angegeben ist. Drumherum stehen die charakteristischen schienbeinhohen Plastikstühle und -tische für die Gäste. Die Mehrheit der Vietnamesen verpflegt sich an diesen Ständen: morgens, mittags, abends. Gesunder Fast Food, der einzelnen westlichen Besuchern allerdings buchstäblich den Magen umdrehen kann.

Auf unserer Fahrt durch Ho-Chi-Minh-Stadt bleibt mein Blick immer wieder an dem Stahlbetongerippe hängen, das sich im Distrikt 1 auftürmt. Mitten im kommunistischen Vietnam lässt das Unternehmen Bitexco seinen 260 Meter hohen „Financial Tower“ errichten. Eine Demonstration des Kapitalismus, denn die Baustelle ragt wie eine Rakete in den Himmel. Neonröhren hängen in den offenen Stockwerken. In den tiefer liegenden Etagen haben die Arbeiter bereits die spiegelnde Glasfassade angebracht. Fertig ist scheinbar auch schon der protzige Hubschrauberlandplatz, der wie ein Tennisschläger aus dem Gebäude ragt.

Thanh scheint keine Augen für den Turmbau zu haben. Sie steuert uns durch den Strom. Entlang einer breiten Straße, um dann eine 180 Grad Drehung in den heranbrausenden Gegenverkehr zu machen, um anschließend sofort wieder in eine Seitenstraße abzubiegen. Die 27-Jährige folgt ihrer inneren Karte von Ho-Chi-Minh-Stadt, während sich meine Finger immer noch um die Haltestange des Mopeds klammern.

Ho-Chi-Minh-Stadt schläft nicht.

Ho-Chi-Minh-Stadt schläft nicht.

Wächst in die Höhe: Bitexco Financial Tower

Im Bau: der Bitexco Financial Tower

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Written by Fabian Schweyher

8. Juni 2010 um 09:22

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