Vietnam-Notizen

Archive for Juni 2010

Vermummt für die Schönheit

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Es ist drückend heißt. Doch wenn sich Thanh in der Mittagshitze auf ihr Moped schwingen will, hüllt sie sich zuerst ein.

Die 27-Jährige zieht sich dann einen dünnen, armlangen Pullover an. Dessen Kapuze streift sie sich über den Kopf, darauf der Plastikhelm. Handschuhe angezogen, Staubschutz vor den Mund und das letzte Stück Haut wird von einer großen Sonnenbrille verdeckt. Die junge Frau hat sich in eine Gestalt verwandelt, die in Deutschland vielleicht unter das Vermummungsverbot fallen würde.

Doch für Frauen in Vietnam gehört das zum Alltag. Denn wer schön sein will, muss dafür etwas tun. Thanh bedeckt ihren Körper, damit möglichst wenig Sonne auf die Haut trifft. Helle Haut gilt in Vietnam als äußerst attraktiv. Die Logik dahinter: Wer hellhäutig ist, muss nicht wie ein Bauer auf dem Feld im Freien arbeiten, sondern stammt aus einer wohlhabenden Familie.

Steht sie mir oder steht sie mir nicht? Diese verhüllte Mopedfahrerin probiert an einem Verkaufsstand eine Sonnenbrille aus.

Diese Fahrerin probiert eine Sonnenbrille aus.

Written by Fabian Schweyher

29. Juni 2010 at 09:17

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Marihuana in der Hosentasche

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Die Augen des jungen Vietnamesen schauen müde, als er das Restaurant im Touristenviertel von Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon) betritt. Seit Stunden klappert er die Lokale ab. Immer mit einem ein Meter hohen Bücherstapel aus kopierten Reiseführern in seinen Händen, die er verkaufen will. Meistens ohne Erfolg. Das ältere holländische Urlauberpaar, das auf seinem Tisch bereits einen Schwarzdruck liegen hat, lässt ihn abblitzen.

Da erblickt er mich, kommt heran. Doch bevor er fragen kann, schüttle ich schon seitlich mit dem Kopf, während ich mir ein entschuldigendes Lächeln abringe. Der Vietnamese lächelt müde zurück, denn er hat ein zweites Angebot, fragt unverhohlen „Marihuana?“.

Ich verneine. Doch er lässt sich nicht abhalten und wie zum Beweis, was er zu bieten hat, kramt er einen Plastikbeutel Gras aus seiner Hosentasche. Da mischt sich die Holländerin ein: „You should not sell that. It is not good.“ Er dreht sich dem Paar zu – seine Augen fixieren träge die wohlgenährte Blondine. Angewidert sagt er: „Don’t tell the poor what is not good.“

Die Straße Bui Vien im Herz des Touristenghettos.

Bui Vien Straße im Touristenghetto.

Written by Fabian Schweyher

28. Juni 2010 at 07:29

Die Sprachschule im Park

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Oft dauert es nur wenige Minuten bis sie vor einem stehen: Wer sich in der Parkanlage neben dem Touristenviertel von Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon) erholen will, wird schnell von Studenten angesprochen. Sie bitten um eine Unterhaltung, um so ihr Englisch zu verbessern. Einer von ihnen ist Son Duc Hoang. Der 18-Jährige studiert an der Universität Internationale Beziehungen.

Du kommst oft in den Park, um im Gespräch mit Touristen dein Englisch zu verbessern. Das klingt zunächst seltsam. Warum machst du das?

Son: Für uns Studenten sind englische Sprachkenntnisse sehr wichtig. Wer nach dem Studium Karriere machen will oder einen gut bezahlten Arbeitsplatz finden möchte, muss Englisch sprechen können. Dieser Park ist der beste Ort in Ho-Chi-Minh-Stadt, um sich mit ausländischen Touristen auf Englisch zu unterhalten und die Aussprache zu trainieren. Es ist umsonst und ich kann viel über andere Länder und Kulturen erfahren. Das ist sehr interessant.

Ist der Englisch-Unterricht in den vietnamesischen Schulen so schlecht?

In der Schule hatte ich sieben Jahre lang das Fach Englisch. Der Unterricht beschränkte sich allerdings auf Grammatik und Schreiben. Das war sehr langweilig. Wie man auf Englisch miteinander spricht und wie man die Wörter richtig ausspricht, haben wir fast überhaupt nicht geübt. Unsere Lehrer konnten die Wörter oft selbst nicht richtig aussprechen.

Wie häufig kommst du in den Park, um Touristen anzusprechen?

In der Woche komme ich rund drei Mal hierher, meistens für zwei bis drei Stunden. Als ich noch mehr Zeit hatte, war ich an fünf Tagen in der Woche hier.

Wie läuft ein solches Gespräch ab?

So wie eine Unterhaltung mit einem Menschen abläuft, den man nicht kennt. Ich stelle viele Fragen. Ich erkundige mich nach dem Namen, woher er kommt, wie lange er in Vietnam sein wird, was er schon gesehen hat, wohin er reisen wird und so weiter. Wenn es gut läuft, entwickelt sich ein richtiges Gespräch.

Und wie reagieren die Touristen, wenn du sie ansprichst?

Drei von vier winken gleich ab. Viele fürchten sich, dass ich Geld von ihnen will oder etwas verkaufen möchte. Viele haben auch keine Zeit oder sind in Eile. Wenn eine Unterhaltung zustande kommt, dauert sie maximal 30 Minuten, meistens ist sie viel kürzer.

Wie viele Studenten wollen denn in der Parkanlage ihre Englisch-Kenntnisse verbessern?

Es sind immer so um die 20 Studenten an jedem Tag hier. Viele kommen regelmäßig. Die Idee hat sich in den vergangenen Monaten herumgesprochen. Manchmal haben wir nun das Problem, dass nicht genügend Touristen für alle da sind.

Will sein Englisch verbessern: Der 18-jährige Son.

Son will sein Englisch verbessern.

Written by Fabian Schweyher

25. Juni 2010 at 07:06

Der Wahn mit den Visitenkarten

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Wer beruflich nach Vietnam reist, sollte eines nicht vergessen: Visitenkarten. Die Vietnamesen gehen verschwenderisch mit ihnen um. Selbst nach einem kurzen, unverbindlichen Plausch mit einem Fremden kann man anschließend dessen Karte in den Händen halten. Automatisch wandert dann die eigene in die entgegengesetzte Richtung.

Genauso verhält es sich in der Geschäftswelt. Meinen Rekord habe ich während eines Besuchs bei einer deutschen Firma in Ho-Chi-Minh-Stadt aufgestellt. Drei Menschen bin ich dort begegnet, zwei davon nur wenige Sekunden. Vier Visitenkarten habe ich nach Hause gebracht. Der Grund: Mein Interviewpartner füllt zwei Ämter aus und ist entsprechend ausgerüstet. Und die Sekretärin, die mir freundlicherweise einen Kaffee zubereitet hat, öffnete auch gleich ihr Etui.

Rund 20 Visitenkarten hatte ich nach Vietnam mitgenommen. In der Annahme, dass die Mehrheit meinen Geldbeutel nie verlassen wird. Nach drei Wochen waren sie verteilt.

Wer auf diesen verlustreichen Umgang nicht vorbereitet ist, bekommt schnell ein Problem. Gesprächspartner aus Deutschland sehen es einem nach, wenn man mit leeren Taschen anrückt. Unangenehm kann es bei Vietnamesen werden. Die schauen häufig befremdlich, nachdem Sie – so wie es höflich ist – mit beiden Händen ihre Visitenkarte übergeben haben und dann kann sich dieser selbsternannte Reporter aus dem Ausland nicht einmal mit einem Stück Papier ausweisen.

Written by Fabian Schweyher

24. Juni 2010 at 07:36

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Zwei Leben in vier Wänden

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Als Minh und ich in der Dunkelheit mit dem Motorroller ankommen, habe ich die Orientierung längst verloren. Sie hat mich zu sich zum Abendessen eingeladen. Irgendwo in der Sieben-Millionen-Metropole Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon). Irgendwo, wo die Straßen nur noch aus gepresstem Staub bestehen. Irgendwo, wo dumpfes Neonlicht aus vereinzelt beleuchteten Fenstern dringt.

Absteigen. Vor der Eingangstür die Schuhe zurücklassen. Ich betrete einen rund zwölf Quadratmeter großen Raum im Erdgeschoss. Minhs kleines Reich. Ihre Wohnung. Darin haust sie zusammen mit ihrer Mitbewohnerin Gai.

Gefliester Boden. Eine Neonröhre an der Decke. Vergittertes Fenster. In einer Ecke der Wohnung eingezogen ein kurzes Stück Wand aus roten Ziegelsteinen, ein weißer Plastikvorhang hängt an der offenen Seite. Darin Dusche, Bad, Abwasch und ein Teil der Küche. In der Wohnung steht ein schmaler Kleiderschrank aus dunkelbraunem Holz. An der Seite festgeschraubt eine Kleiderstange, auf der dicht gedrängt Blusen hängen. Kein Bett ist zu sehen, dafür Bambusmatten, die an einer Wand lehnen.

Minh schaltet den Kocher für den Reis an, um anschließend Gemüse und Tofu zuzubereiten. Es geht erstaunlich schnell. Nach wenigen Minuten sind die Zutaten fertig, die sie jeweils in eine kleine Schale befördert. Miteinander kombiniert ergeben die kleinen Portionen ein reichhaltiges Essen.

Unser Tisch ist der Boden. Gai amüsiert sich, wie ich die Essstäbchen ungelenk zwischen meine Finger klemme. Derweil zeigt Minh mit ihren Hölzern immer wieder auf die besten Häppchen und wenn ich nicht schnell genug bin, legt sie mir Gemüse und Tofu flink in meine Schale. Wonach sie die Stücke auswählt, erschließt sich mir nicht. Vielleicht geht es darum, dass die Schale ihres Gastes nie leer sein soll.

Da ist sie wieder: die Sprachbarriere. Ich ärgere mich. Ich könnte von den beiden Frauen so viel über ihr Leben und ihre Kultur erfahren. Doch ich verstehe sie kaum. Gai kann kein Englisch, Minh etwas. Doch ihre verbogene Aussprache gleicht das aus. Wenn ich die Wörter nicht erfasse, schreibt sie sie auf einen kleinen Block, macht Zeichnungen oder malt Gebilde mit ihrem Zeigefinger in die Luft.

Wir verstehen uns auch ohne große Worte. Deswegen stört es mich nicht, dass Minh sich manchmal mit Gai auf Vietnamesisch unterhält. Natürlich über mich. Das verrät die Körpersprache. Ich beobachte – und denke zugleich nicht darüber nach.

Written by Fabian Schweyher

21. Juni 2010 at 09:01

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Im Bus mit Lac

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Einsteigen und 50 Minuten später wieder aussteigen. Die Busfahrt zur 15 Kilometer entfernten Vietnamesisch-Deutschen-Universität in Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon) klingt einfach. Und so stehe ich an einem Mittwochmorgen an der Bushaltestelle am Ben Thanh Markt.

Die Leute drängeln sich auf der Plattform, die wie eine Insel am Rand einer stark befahrenen Straßenkreuzung liegt. Fliegende Händler quetschen sich durch das Geschiebe. Die Gerüche wechseln sich ständig ab: gegrilltes Fleisch, modernde Abfälle, Früchte, Abgase.

Den Straßenlärm übertönt nur das Gequassel, das aus Lautsprechern scheppert. Der Sprecher steht an einem Fenster im Warteraum. Sobald er einen Bus erspäht, was eigentlich ständig der Fall ist, brabbelt er in sein Mikrofon. Was er von sich gibt, verstehen nur die Vietnamesen. Ausländer verirren sich hierhin nicht.

Vielleicht spricht mich deswegen eine Frau an, die seit einigen Minuten neben mir steht. Sie heißt Lac, ist 22 Jahre alt und kann etwas Englisch. Sie habe denselben Weg wie ich, sagt sie. Einfacher komme ich nicht zur Universität, denke ich.

Ein Bus nach dem anderen rollt ein. Große Busse aber auch kleine Transporter, auf deren offenen Ladeflächen die Menschen Platz nehmen. Wo die Fahrzeuge zum Stehen kommen, scheint keinem Gesetz zu folgen. Der Bus zur Uni hält gar nicht erst an. Er fährt langsam an der Haltestelle vorbei. Wer einsteigen will, muss rennen und sich an der Haltestange ins Innere hieven.

Die Fahrkarte kostet 3000 Dong, rund 15 Cent. Nach rund 50 Minuten verlassen Lac und ich den Bus, der dieses Mal sogar angehalten hat. Die 22-Jährige erkundigt sich nach dem Weg. Ich bin überrascht. Den Weg müsste sie doch kennen.

Nach einigen Hundert Metern verabschiedet sie sich plötzlich. Gewunden gibt Lac zu, dass sie mich nur deshalb begleitet hat, um mir zu helfen. Nun wird sie mit dem Bus den Weg zurückfahren, den wir gerade erst gekommen sind.

Gegenüber dem Ben Thanh Markt liegt die Bushaltestelle.

Gegenüber dem Ben Thanh Markt liegt die Bushaltestelle.

Written by Fabian Schweyher

19. Juni 2010 at 08:55

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Wenn die Lichter ausgehen

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Heute war unser Straßenzug dran: Gegen 8 Uhr gingen die Lichter aus. Kein Strom, kein Wasser (wegen der elektrischen Pumpen, die das Wasser in den Behälter auf dem Dach befördern). Erst um 16 Uhr legte das staatliche Versorgungsunternehmen die Hebel wieder um.

Wer am Morgen noch dachte, vor der drückenden Hitze fliehen zu können, der irrte sich. Klimaanlagen und Ventilatoren funktionierten schließlich nicht. Einzelne Ladenbesitzer wollten oder konnten nicht verzichten und stellten Stromgeneratoren vor die Hauseingänge. Und so knatterten im ohnehin lauten Straßenverkehr auch noch die Generatoren.

Die Bewohner von Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon) müssen immer wieder auf Strom verzichten. Der Grund: Gegen Ende der Trockenzeit führen die Flüsse wenig Wasser mit sich. Die Wasserwerke erzeugen weniger Strom.

Während in den äußeren Vierteln der Stadt Saigon regelmäßig an einem Tag in der Woche der Strom abgestellt wird, lebt es sich im Innenstadtbereich vergleichsweise komfortabel. Zwar fällt auch hier der Strom einmal in der Woche aus, doch jedes Mal ist ein anderer Straßenzug fällig.

Die Stromausfälle gehören inzwischen schon so sehr zum Alltag, dass das Versorgungsunternehmen die Termine im Vorfeld auf seiner Website ankündigt.

Wirrwarr aus Stromleitungen

Wirrwarr aus Stromleitungen

Die Leitungen ziehen sich an der Straße entlang.

Die Kabel ziehen sich an der Straße entlang.

Ob dieser Arbeiter diese wilde Verkabelung versteht?

Ein Arbeiter hängt im Kabelchaos.

Written by Fabian Schweyher

16. Juni 2010 at 07:40